DORA BALISTRERI: KLEINE METROPOLE DER SELBSTVERWIRKLICHUNG

© Sofia Chiara Balistreri

Als ich mit 13 Jahren zum ersten Mal Wolfsburg am Horizont der Autobahn erblickte, durchdrang mich das seltsame Gefühl, dass diese Stadt anders als all die vielen war, die ich zuvor kennengelernt hatte: Die Straßen so breit und geräumig wie ich es bis dahin nur aus US-amerikanischen Filmen kannte, die Bauten flach, da und dort einige Einfamilienhäuser mit Garten, und fuhr man weiter in den Stadtkern hinein, dann fand man sich plötzlich in einem anderen Wohnquartier wieder, mit denkmalgeschützten Mehrfamilienhäusern, umrandet von eigenen hübschen Höfen, und – steht dort fürwahr ein modernes Fußballstadion in der Nähe eines historischen Schlosses? Befindet sich das üppige Volkswagenwerk wirklich im Herzen der Stadt? Ich blickte aus dem Fenster unseres Familienautos, ein Fiat Ulysse übrigens, und die Melodie aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ ertönte in meinem Kopf. Wo war ich?

Wo war ich? Diese Frage begleitete mich durch die Jahre meiner Adoleszenz in Wolfsburg. Es war viel, was mir hier zunächst anders vorkam. Die Struktur der Stadt, aus zahlreichen ländlichen Dörfern bestehend, durch weite Feld- und Waldabschnitte vom Zentrum getrennt, die Tatsache, dass so viele der Menschen, denen ich begegnete, bei Volkswagen arbeiteten und – darüber wundere ich mich bis heute – das Phänomen, noch nie zuvor in einer Stadt so viele gepflegte und neue Fahrzeuge auf einmal gesehen zu haben. Aber es war mehr als das mich umhüllende Gefühl der Fremde, das ich schließlich aufgrund der vielen vorigen Umzüge schon kannte. Es war mehr, als dass ich in einer Sprache dachte, die nicht die hiesige war oder dass, wenn meine Klassenkameraden noch vor 10 Uhr morgens ihre Brote mit Butter und Salami aßen, ich sie als Italienerin empört beobachtete. Wo war ich? richtete sich viel mehr auf die Suche nach meiner Identität, die ich auf dem Weg von einem Land in das andere, von einer Stadt in die andere, verloren zu haben glaubte.

Es reicht nun, einen Blick in die Geschichte Wolfsburgs zu werfen, um zu erkennen, dass diese Stadt seit ihrer Gründung vor über 80 Jahren einen weiten Weg der Selbstverwirklichung bestritten hat. Wie vom Schicksal geführt, landete ich also in den Jahren meiner größten Selbstzweifel in Wolfsburg, der Stadt, die sich selbst verloren und wieder gefunden hat.

Manchmal frage ich mich, ob nicht auch Städte, wie so manches auf der Welt, einen Geist haben, der rebellisch und eigenwillig ist. Wenn dem so wäre, würde Wolfsburg als Kämpferin unter den deutschen Städten gelten. Damals von den Nationalsozialisten als „Stadt des KdF-Wagens“ und durch den Schweiß vieler Zwangsarbeiter gegründet, entwickelte sie sich nach 1945 zum Zufluchtsort für Tausende von Geflüchteten, die nach dem Krieg eine neue Heimat suchten. Bis heute fühlen sich hier über 151 Nationen zu Hause – Menschen, die aus aller Welt der Arbeit, der Liebe oder einfach des puren Zufalls wegen in Wolfsburg gelandet sind. Mit über 10.000 Mitgliedern ist die italienische die größte ausländische Community der Stadt. Die ersten Italiener*innen kamen in den 1960er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Wolfsburg, viele blieben, hinterließen tiefe Spuren in der Stadtgeschichte, veränderten und forderten sie. 1975 eröffnete die Italienische Konsularagentur, die sich heute auf der Piazza Italia befindet, und welche neben den üblichen konsularischen Dienstleistungen den Kulturdialog zwischen Deutschland und Italien durch vielfältige Veranstaltungen stärkt. Zudem engagieren sich zahlreiche italienische Vereine und die Schule Leonardo da Vinci für die Vermittlung der italienischen Sprache und Kultur in Wolfsburg. Neben der italienischen werden viele andere Kulturen in der Stadt durch Migrantenselbstorganisationen oder gar durch die Stadtverwaltung gefördert und gelebt. Ein Spaziergang durch die Porschestraße im Wolfsburger Zentrum reicht aus, um in einen vielfältigen Sprachenklang aus Dialekten und Melodien einzutauchen, den man sonst nur aus Metropolen gewöhnt ist. Auch die Kulturlandschaft, zum Teil aus der hiesigen Internationalität selbst entstanden, hat schon längst auf die Diversität Wolfsburgs reagiert und beobachtet achtsam die Bedürfnisse der modernen Stadt, um sie wiederum in neue Formate einzubetten. Somit wurde, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, im September das Festival phaenomenale durchgeführt, bei dem die Kultureinrichtungen der Stadt als Konglomerat ein breites Programm an digitaler, analoger, internationaler Kultur angeboten haben, um durch künstlerische Ausdrucksformen die Transformationsprozesse unserer Gesellschaft zu thematisieren und eine Debattenkultur mit Akteur*innen aller Lebensbereiche und der Bürgerschaft zu fördern.

Die Wandlung zu einer weltoffenen Stadt, das ungewohnte Stadtbild aus Bauten der 50er Jahre neben moderner Architektur von Weltstars wie Alvar Aalto und Zaha Hadid, die Mischung aus traditionsreichen kleinen Dörfern und der Internationalität, die nicht zuletzt durch den Hauptarbeitgeber Volkswagen gegeben ist, das breite Kultur- und Freizeitangebot machen aus Wolfsburg eine unvergleichbare Stadt, die so divers und als kleine Großstadt gleichzeitig so überschaubar ist, dass es schwierig ist, sich hier – nach einer möglichen anfänglichen Eingewöhnungsphase – nicht zu Hause zu fühlen.

Viele Jahre lang habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, wo ich hingehöre. In Wolfsburg, der „italienischsten Stadt nördlich der Alpen“, habe ich meine Antwort gefunden. Als moderne und visionäre Stadt, die stets im Wandel und am Puls der Zeit ist, bietet Wolfsburg die Möglichkeit, sich heimisch zu fühlen – unbeachtet, welcher Herkunft, Religion oder Ethnie man angehört. Wenn in der Stadtgesellschaft Partizipation und demokratische Prozesse weiterhin gefördert werden, kann Wolfsburg genau das bleiben, was es sich vorgenommen hat zu sein: eine junge, dynamische Stadt, die stets den Mut auf sich bringt, sich selbst zu hinterfragen und das Beste aus sich herauszuholen.

 


Dora Balistreri

ist 1991 bei Mailand in Italien geboren, studierte an der Universität Hildesheim „Kulturvermittlung M.A.“ und beschäftigte sich schon während ihres Studiums mit der Wolfsburger Kulturlandschaft.
Seit 2018 arbeitet sie in der Italienischen Konsularagentur. Zu ihren Aufgaben gehört es, den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Italien durch die Organisation unterschiedlicher Veranstaltungen in Wolfsburg zu stärken und auszuweiten. Als Tochter von Angestellten des Italienischen Außenministeriums lebte sie in Italien, Bulgarien und Deutschland.

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