STADTTEILBIBLIOTHEK KÖLN-KALK ZEIGT WIE DIE BIBLIOTHEK DER ZUKUNFT AUSSEHEN KANN

© aatvos / Marco Heyda

Ob im Vorbeigehen oder bei einem flüchtigen Besuch: Die Zweigstelle der Kölner Stadtbibliothek hebt sich deutlich von dem Bild ab, was Bibliotheken in den letzten Jahrzehnten verkörperten. Im Stadtteil Kalk begegnet man dem angestaubten Image einer Bibliothek nicht nur mit einem modernen und farbenfrohen Design, sondern auch mit einer beeindruckenden Angebotsvielfalt und vor allem mit Partizipationsmöglichkeiten. Schon in der Konzeptionsphase der Bibliothek setzte das Team auf den direkten Input von den Menschen vor Ort. Individuelle Design-Thinking-Methoden und Benutzerumfragen halfen dabei, die Bedürfnisse und Wünsche der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer bestmöglich in die Konzeption des Projekts einfließen zu lassen. Im Ergebnis begreift sich die Stadtteilbibliothek als sogenannter „Dritter Ort“, der neben dem Arbeitsplatz und der eigenen Wohnung einen festen Platz in der Alltagsstruktur der Besucherinnen und Besucher hat. Sie ist ein konsumfreier und nicht-kommerzieller Aufenthaltsort, der zum Entspannen, Arbeiten, Lesen, Experimentieren und Lernen einlädt und sich explizit an alle Altersgruppen richtet. Zu den Highlights gehört unter anderem ein stationärer sowie mobiler Makerspace – verbaut in einem Cargo-Bike mit Elektroantrieb. Hier wird der Besucher selbst zum Macher – vom Konsumenten zum Produzenten, der Neues lernt und sein Wissen mit anderen teilt.

Informelle Atmosphäre soll zu einem Image- und Paradigmenwechsel führen

Die fünf Stockwerke des Bibliothekgebäudes sind individuell gestaltet und sprechen mit den dazugehörigen Angeboten verschiedene Zielgruppen an. Dabei wurde kein Detail ausgelassen: Seniorengerechte Möbel, Kinderspielecken, interaktive Gaming-Stationen mit Virtual-Reality-Brillen für Jugendliche, kostenloses Internet, eine Kaffee-Bar, kuschelige Rückzugsmöglichkeiten und eine mehrsprachige Medienauswahl sollen Hemmschwellen abbauen und auf vielfältige Weise Offenheit vermitteln. Das Konzept heißt auf diese Weise nicht nur ausnahmslos alle Anwohnerinnen und Anwohner willkommen, sondern ermöglicht auch eine flexible und unkonventionelle Nutzung dieses außergewöhnlichen Gemeinschaftsraums. Die insgesamt sehr informelle Atmosphäre verändert vor allem bei jungen Menschen die Sichtweise auf die Bibliothek und soll langfristig zu einem Image- und Paradigmenwechsel führen.

Stadtteilbibliothek strahlt in den ganzen Bezirk aus

© aatvos / Marco Heyda

Dass ein Projekt mit einer solchen Strahlkraft ausgerechnet in Köln-Kalk realisiert wurde, ist kein Zufall. Der Stadtteil gilt offiziell als Bezirk mit besonderem Entwicklungsbedarf und hat mit einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquote zu kämpfen. Kalk ist zudem der Bezirk mit dem höchsten Anteil an Migrantinnen und Migranten in Köln. Vor allem junge Menschen erleben hier fehlende Chancengleichheit. Die neue Stadtteilbibliothek soll sich aus diesem Grund nicht nur positiv auf die Außenwahrnehmung des Stadtteils auswirken, sondern auch ein neues Selbstbewusstsein unter den Anwohnerinnen und Anwohnern schaffen sowie Energie für folgende Transformationsprozesse in Kalk freisetzen.

Räumlichkeiten sind für Mitglieder rund um die Uhr zugänglich

Aufgrund eines besonderen Features ist die Stadtteilbibliothek übrigens auch außerhalb der üblichen Öffnungszeiten für die Menschen da: Ein RFID-System ermöglicht es den Nutzerinnen und Nutzern der Bibliothek, zu jedem erdenklichen Zeitpunkt durch eine Mitgliederkarte die Räumlichkeiten betreten und nutzen zu können. Sogar die Ausleihe und Rückgabe der Medien funktioniert dadurch jederzeit über Selbstbedienungsstationen. Der somit teilweise personalfreie Betrieb erweitert die Öffnungszeiten im Vergleich zu den anderen Stadtteilbibliotheken in Köln um 53%. Der Vertrauensvorschuss, der mit einem solchen System einhergeht, zahlt sich bisher aus – die Gäste gehen auch außerhalb der geregelten Öffnungszeiten sehr ordentlich mit den Materialien um.

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Das große Interesse und die sehr hohen Besucherzahlen geben dem großen Aufwand und dem Konzept recht. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene haben die neue Stadtteilbibliothek vom ersten Tag an angenommen und beleben das neue „Wohnzimmer im Quartier“ mit unterschiedlichsten Intentionen. Die Stadtteilbibliothek in Köln-Kalk, die in ihrer Konzeptionalisierung stark von der Stadtbibliothek in Oslo inspiriert wurde, gilt nun selbst als Erfolgsmodell.

Dieser Artikel erschien zuerst im polis Magazin 03/2020: Resistance

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