VOM KÜHLEN NASS ZUR INSPIRIERENDEN KULTURSTÄTTE

© D Frenzel

Das Hallenbad am Schachtweg ist für viele Wolfsburger*innen mit schönen Kindheitserinnerungen verbunden. Als es von einem neuen Freizeitbad abgelöst wurde und 2002 seine Türen schließen musste, zeigten sich viele Bewohner*innen enttäuscht über den Verlust: Der Ort, an dem viele Wolfsburger*innen unzählige Stunden während ihrer Jugend oder Kindheit verbracht hatten, sollte fortan passé und kein Teil der Stadt mehr sein? Schnell war klar: Das Hallenbad muss bewahrt bleiben. Um die Wünsche der Bewohner*innen aller Altersgruppen bezüglich einer Umnutzung bestmöglich zu berücksichtigen, führte die Stadt Wolfsburg einen Workshop zur Bürger*innenbeteiligung durch. Das Ergebnis diente als Grundlage für das umgesetzte Nutzungskonzept des ehemaligen Hallenbads. Nach einem langen Findungs- und Planungsprozess begannen 2006 schließlich die Bauarbeiten, die größtenteils Umbau- und Sanierungsmaßnahmen umfassten, um den Charme des alten Schwimmbads zu erhalten. Zur Ergänzung einiger Funktionen wurde der Baubestand um wenige Neubauteile erweitert. So wurden die ehemaligen Schwimmbecken inklusive der dazugehörigen Räume nur behutsam verändert, um den nostalgischen Charakter des Bades zu bewahren und Teile des alten Hallenbads nur substanziell hergerichtet, um den behördlichen Auflagen und nötigen Sicherheitsvorkehrungen Rechnung zu tragen. In dem Prozess spielten auch pädagogische und künstlerische Gesichtspunkte eine Rolle: Die künftigen Nutzer*innen sollten Teilbereiche wie Ateliers nach ihrem Geschmack gestalten können. Darüber hinaus wurde großer Wert auf Nachhaltigkeit sowie die Alltagstauglichkeit der Materialien gelegt: Man wollte ein Konzept verwirklichen, das auf Dauer Bestand hat.

© Vana Gierig

Das Ergebnis des Umbaus ist eine einzigartige und vor allem vielfältige Kulturstätte, die sich bis heute in einem ständigen Wandel befindet. Sie umfasst drei flexibel nutzbare Veranstaltungssäle, einen Gastronomiebereich für das leibliche Wohl, sowie ein zentrales Foyer, das alle Bereiche miteinander verbindet. Ein weiteres Highlight ist der 260 m große Proberaum für das Tanzende Theater Wolfsburg. In den Katakomben des ehemaligen Technikkellers sind heute weitere Probe- und Atelierräume sowie ein Tonstudio zu finden. Da eine steigende Anzahl an Mitarbeitenden zusätzlichen Platz benötigte, wurden in der ehemaligen Saunalandschaft neue Büroräume errichtet. Im Außenbereich befindet sich heute ein Bambus-Patio für laue Sommerabende. Abseits der Arbeitsräume erwartet die Besucher*innen in der ehemaligen Sauna aber auch ein deutliches Kontrastprogramm: Obwohl die Sauna schon seit Langem nicht mehr existiert, wird im „Sauna-Klub“ auch heute noch ordentlich geschwitzt – und zwar beim ausgiebigen Feiern und Tanzen. Mit viel Liebe zum Detail, Retro-Charme sowie professionellem Musik-Equipment lockt der einzigartige Club mit unterschiedlichen Partyreihen Tanzbegeisterte und DJ*anes in seine Räumlichkeiten. Da der Club mittlerweile auch über die Stadt hinaus bekannt und der Andrang groß ist, wurde er kontinuierlich vergrößert.

© Hallenbad

Das Transformationsprojekt hat aber noch viel mehr zu bieten. Ein beliebter Ort im Hallenbad ist heute das Kino. Mit seinen roten, weichen Sitzen und dem gemütlichen Ambiente erweckt es den Eindruck eines übergroßen Wohnzimmers. 60 Personen finden in dem Programmkino Platz, in dem ausgewählte Filme, wie z. B. Independent- und Arthouse-Produktionen gezeigt werden, da das Kino die Rolle von Filmen als Kulturgut stärken möchte. Im Sommer zieht das Open-Air-Kino dann zahlreiche Filmliebhaber*innen in den Biergarten des Hallenbads. Ebenfalls finden immer wieder Kooperationen mit Wolfsburger Vereinen und Instituten wie der Autostadt oder dem Kunstmuseum statt, um ausgewählte Projekte um eine filmische Perspektive zu ergänzen.

Neben dem Kino sowie Kabarett-Veranstaltungen erwartet die Besucher*innen ein weiteres außergewöhnliches Erlebnis im Hallenbad: Zwischen den weißen Kacheln und Sprungtürmen der einstigen Schwimmbecken finden regelmäßig Konzerte statt. Musikbegeisterte können sich hier auf ein abwechslungsreiches Programm mit einem breiten musikalischen Spektrum freuen. Von deutschsprachigen Rockbands über Jazz im Pool bis hin zu Klassik im Schwimmerbecken gibt es wenig Genres, denen man in dem ehemaligen Schwimmbad noch nicht lauschen konnte. Das umgebaute Nichtschwimmerbecken fasst 300 Besucher*innen (bestuhlt) – es kam jedoch auch schon vor, dass der Saal ins Foyer hinein geöffnet wurde, sodass rund 800 Gäste (unbestuhlt) die Konzerte im einzigartigen Ambiente erleben konnten.

© Hallenbad

Einen besonderen Fokus legt das Hallenbad auf die Unterstützung junger, lokaler Künstler*innen. Schon seit 1986, also lange vor dem Umbau, wird heranwachsenden Musikschaffenden die Chance geboten, im Hallenbad alle Stufen einer Musikproduktion zu durchlaufen – angefangen von Proberäumen bis hin zum professionellen Tonstudio. Außerdem bieten die neuen Bühnen lokalen Bands die Möglichkeit, vor einem großen Publikum aufzutreten.

Neben den musikalischen Darbietungen im Schwimmerbecken fördert auch das Kunstschaufenster junge lokale Talente. Es bietet eine Plattform für vielfältige künstlerische Formate in Form von wechselnden Ausstellungen. In einem dreimonatigen Rhythmus können Studierende der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste in dem großen Schaufenster neben dem Haupteingang ihre Arbeiten präsentieren. Die Vielfalt der Ausstellungen wird durch die unterschiedlichen Fachbereiche der Hochschule garantiert: Ob Klangkunst, Fotoarbeiten, Malereien oder Videoinstallationen – der Kreativität werden hier keine Grenzen gesetzt. Es ist einerseits eine besondere Herausforderung für die Kunstschaffenden, ihre Arbeiten an die Räumlichkeiten des Schaufensters anzupassen, andererseits wird ihnen die seltene Chance geboten, einen Beitrag zur Kunst im öffentlichen Raum zu leisten. Sie können mit ihren Arbeiten die Öffentlichkeit inspirieren und zum Nachdenken anregen. Durch die Kooperation mit der Braunschweiger Hochschule wird außerdem ein Brückenschlag in die Nachbarstadt geschlagen – das Hallenbad blickt bewusst über den Tellerrand der Stadtgrenzen hinaus, um dazu beizutragen, dass sich Wolfsburg und seine Nachbarstädte stärker als gemeinsame Region begreifen. Auf diese Weise könnten kreative Potenziale viel effektiver ausgeschöpft werden. Mittlerweile ist das Hallenbad zu einem vielseitigen städtischen Treffpunkt geworden. Das Restaurant Lido bietet Köstlichkeiten für jeden Geschmack an. Der Biergarten ist zu einer grünen Oase im Zentrum der Stadt geworden. Es ist außerdem möglich, Räume des Hallenbads für eigene Veranstaltungen wie Seminare oder Feiern anzumieten. Natürlich hat auch hier die Corona-Pandemie zu deutlichen Einschränkungen im laufenden Betrieb geführt – auf der Webseite findet man dazu aktuelle Hinweise.

© FotoFilm Schlesinger

Auch nach der Eröffnung wurden viele Bereiche des Kulturzentrums immer wieder umgestaltet, (um)gebaut und erweitert – das Hallenbad ist nie ganz fertig und befindet sich in einem kontinuierlichen Prozess aus Findung und Neuorientierung. Auch für künftige neue Projekte bietet das alte Schwimmbad noch viel Raum. Der ehemalige Turm mit Zuschauer*innentribüne sowie großflächige Kellerräume unterhalb des Schwimmerbeckens sind noch weitgehend unberührt: Platz für jede Menge spannende Zukunftsperspektiven. So spiegelt das Haus in seiner äußeren Hülle kontinuierlich Veränderungen wider, die im Inneren ständig stattfinden. Zweifelsohne ist dieses außergewöhnliche Hallenbad immer wieder einen Besuch wert.

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