BREMERHAVEN: WOHNWEGE FÜR DIE GEMEINSCHAFT

Bremerhaven zählt zu jenen Städten, an denen der Zweite Weltkrieg deutliche Spuren im Stadtbild hinterlassen hat. Zahlreiche Gebäude wurden zerstört, sodass Perlen aus der Gründerzeit, wie man sie beispielsweise im Goethequartier findet, heute ein rares Gut sind. Doch soll es nachfolgend insbesondere um den Umgang mit solchen Immobilien gehen, die im Zuge des Wiederaufbaus unter Hochgeschwindigkeit errichtet wurden und heute die oft unschönen Altlasten der Nachkriegsarchitektur der 50er Jahre bilden. Ein großer Bestandteil dieser Wohnanlagen – rund 2.500 Mieteinheiten – befindet sich im Eigentum der Städtischen Wohnungsgesellschaft Bremerhaven mbH (STÄWOG). Ganz nach dem Motto „Eigentum verpflichtet“ hat sich die STÄWOG auf die Fahne geschrieben, für diesen in Verruf geratenen Gebäudebestand aus den 50er Jahren Verantwortung zu übernehmen. Sie leistet mit ihren Sanierungsprojekten wichtige Beiträge für die Stadt Bremerhaven – sowohl im Hinblick auf städtebauliche Qualitäten, als auch bei der Bereitstellung preiswerten Wohnraums, der die modernen Standards erfüllt. Als ein besonders herausragendes Beispiel hierfür gilt die Sanierung der Wohnanlage Neuelandstraße/An der Pauluskirche im Ortsteil Klushof, besser bekannt unter dem Projektnamen „Living Streets“.

Bei den „Living Streets“ handelt es sich um zwei, in L-Form zueinander angeordnete, einfache Gebäuderiegel aus den 50er-Jahren – eine sogenannte Schlichtwohnanlage. Diese wurde 2015 unter
Verantwortung der STÄWOG und unter Federführung des Architekten Hans-Joachim Ewert zu einem altersgerechten Wohnquartier umgebaut, das heute nicht nur den modernsten Standards des Wohnens entspricht, sondern vor allem auch architektonisch ein besonderes Highlight im Stadtteil Bremerhaven-Lehe bildet. Mit einem Baukostenvolumen von insgesamt ca. 1.700 Euro/ m2 brutto erfolgte die Sanierung der 54 Wohneinheiten, von denen 15 gefördert sind. Die mehrheitlich kompakten 2-Zimmer-Wohnungen weisen eine Gesamtwohnfläche von 3.600 m2auf. Die durchschnittliche Nettokaltmiete im Wohnkomplex Neuelandstraße/An der Pauluskirche beträgt 5,50 Euro/ m2. Ein Fünftel der Modernisierungskosten wird durch Mittel aus dem Bund-Länder-Programm finanziert.

Dem STÄWOG-Architekten Hans-Joachim Ewert ist eine zukunftsgerechte und kreative Transformation eines zuvor unscheinbaren Gebäudekomplexes gelungen, ohne den Gebäudebestand von Grund auf zu verändern. Mit der schlichten Idee eines Laubengangs, der im Innenbereich der Fassade fixiert und dieser vorgestellt wurde, ist ein völlig neues Wohn- und Gemeinschaftserlebnis entstanden. Um ein gedankliches Loslösen weg von den klassischen Laubengängen der 50er Jahre zu erreichen, spricht die STÄWOG hier vornehmlich von „Wohnwegen“ beziehungsweise „Living Streets“. Genau das ist es auch, was durch die verglaste und auf Betonstützen aus umgekehrten Vs ruhende Konstruktion hervorgerufen wird: ein belebter Erschließungsraum, der halböffentliche und öffentliche Aufenthaltsqualitäten für die Bewohnerinnen und Bewohner der Wohnanlage schafft. Ein Ort, der sowohl als Erschließung zu den jeweiligen Wohneinheiten fungiert, als auch vor allem als Ort der Begegnung, des Austauschs und des Verweilens. So wurden die Wohnwege nicht nur verglast, um vor Wind und Wetter zu schützen, sondern auch entsprechend in der Breite großzügig ausformuliert, sodass genügend Raum für Sitzgelegenheiten und Pflanzen zur Verfügung steht. Ein visuelles

Highlight bildet neben der Vollverglasung eine punktuell eingesetzte Farbgestaltung der Tragstruktur der „Living Streets“. Durch die neue, außenliegende Erschließung der Wohnungen konnten die zuvor insgesamt sieben Treppenhäuser auf lediglich zwei Treppenhäuser mit Aufzügen reduziert und Grundrisse stattdessen zusammengelegt werden. Dabei wurden die beiden Gebäuderiegel durch einen Ergänzungsbau mit großzügigem Foyer und Aufzug erstmalig miteinander verbunden. Und wo einst Garagen den Innenhof der Wohnanlagen prägten, findet sich heute in einer ehemaligen Remise ein Gemeinschaftshaus – eingebettet in einladende Grünflächen, dient es den Bewohnerinnen und Bewohnern als Treffpunkt.

Es wird deutlich: Neben der Entwicklung hochwertigen, aber auch weiterhin erschwinglichen Wohnraums, stand der Aspekt der Gemeinschaft und Nachbarschaftsbildung im Vordergrund des Sanierungsprojektes. Die Architektur begünstigt das Vernetzen der Quartiersbewohnerinnen und -bewohner und bietet insbesondere der älteren Hausgemeinschaft wichtigen Halt. So haben sich dank der neuen Begegnungsorte unmittelbar vor der eigenen Wohnungstür heute ganz neue soziale Netze gefestigt, was sich u. a. in gemeinsamen Ausflügen oder Filmeabenden widerspiegelt.

2018 wurde das Sanierungsprojekt „Living Streets“ mit dem Bremer Wohnbaupreis sowie mit dem Deutschen Bauherrenpreis ausgezeichnet.

Fotos: Bernd Perlbach

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