OONA HORX-STRATHERN: THE AGORA PRINCIPLE AND THE NEW ANCIENTS

© Klaus Vyhnalek

Was macht eine bessere Stadt aus? Ich bin ganz auf der Seite des dänischen Dichters Soren Ulrik Thomsen, der sagte, dass die besten Städte mit den Begriffen komplex, kolossal, chaotisch bezeichnet werden können. Diese Auffassung bildet einen scharfen Kontrast zu den meisten Denkweisen der Stadtplanung, die in der letzten Zeit das Konzept der Smart City bevorzugten. Aber ich glaube, dass die echte „Smartness“ nicht in der Digitalisierung und der dazugehörigen Kontrolle besteht. Sondern darin, das Wissen, die Beziehungen und die Komplexität der Bewohner zu nutzen.

Wir leben in einer Zeit des Megatrends Konnektivität. Aber ironischerweise sind wir in vielerlei Hinsicht kulturell und sozial weniger verbunden als früher. Unsere individualistische und hypermobile Gesellschaft hat dazu geführt, dass sowohl unsere intimen Bindungen wie unsere weiten Verbindungen, unsere „loose ties“, geschwächt geworden sind. Wie kann eine Stadt dabei helfen, Menschen auf allen Ebenen wieder zusammenzubringen — Wohnung, Nachbarschaft, urbane Landschaft? Auf der einen Seite brauchen wir einen neuen Sinn des Zusammenhalts in der unmittelbaren Community. Wir haben im letzten Jahrzehnt ein schnelles Wachstum organisierter kooperativer Gemeinschaften gesehen: Co-Living, Co-Gardening, Co-Working, Co-Mobilität. Der entscheidende Gegentrend zum Individualismus ist jedoch das, was ich „Co-Immunität“ nennen möchte — Kooperation plus Immunität. Ein lokales Leben und Arbeiten, das uns eine sichere, soziale Gemeinschaft auch in Zeiten wie Corona ermöglicht.

Auf der nächsten Ebene können wir durch einen Prozess der Hyperlokalsierung der Stadtkultur weiterkommen. Ein gutes Modell dafür ist die antike griechische Agora. Die Agora des alten Athen war „Vieles für Viele“: Marktplatz, soziales Zentrum, eine Bühne zum „Flanieren“; dieser öffentliche Raum spielte eine Schlüsselrolle in der Integration von sozialen, politischen UND ökonomischen Lebensbedürfnissen. Eine lebendige Stadt ist nicht einfach nur ein physischer, sondern auch ein psychologischer Raum. Jan Gehl, der renommierte dänische Stadtplaner, erkannte, dass eine erfolgreiche Stadt bestimmte Prioritäten bedingt: „Erst Leben, dann Räume, dann Gebäude!“ Gehl, der mit einer Psychologin verheiratet ist, ist ein lebenslanger Propagandist des „öffentlichen Lebensraums“. Er glaubt, dass „wir die Städte formen, die dann uns formen.“

Vielleicht sollten wir über Stadtplanung neu denken: Im Sinne von „Neue Antike“ rund um eine Neo-Agora. Angetrieben von Generationserneuerung wird die Neo-Agora Start-Ups haben, Hipster-Coffee-Shops und andere variable Elemente, die uns mental und physisch mit einem Ort verbinden. Das ist die Art der Hyper-Lokalisierung, die auch von Anne Hidalgo vorangetrieben wird, der Bürgermeisterin von Paris, deren Ziel die „15-Minuten-Stadt“ ist. Dahinter steht eine radikale Veränderung der urbanen Mobilitätsstruktur: Die  Bewohner sollen die Orte für alle existentiellen Bedürfnisse — Arbeiten, Einkaufen, Gesundheit, Verwaltung, Natur — zu Fuß oder mit dem Rad innhalb von 15 Minuten erreichen können. Die Pläne dafür beinhalten Werkstätten mit einem „Made in Paris“-Label ebenso wie kleinere Shop-Konzepte (statt riesiger Malls), ortsnahe medizinische Versorgung und Sportmöglichkeiten, dazu „Bürgerkioske“, in denen Stadtangestellte nicht nur Informationen zum Stadtleben bieten, sondern auch Kompost für den Balkongarten verkaufen. Im größeren Massstab würde dies eine „Dekonstruktion der Stadt“ benötigen. Hidalgos Berater Carlos Moreno sagte zu „Liberation“: „Es gibt sechs Dinge, die Städter glücklich machen: Wohnen in Würde, Arbeiten in guten Bedingungen, Vorräte besorgen, Wohlbefinden, Bildung  und Freizeit. Diese Bedingungen der Lebensqualität müssen für alle Bürger in einem geringeren Radius zugänglich sein.“

Eines sollten wir dabei aber nicht vergessen: Wir sollten und können auch nicht „die perfekte Stadt“ anstreben. Wie heisst es so schön: „Wenn man eine Stadt ganz versteht, ist sie tot!“  Wie jedes lebendige, wachsende System muss sich eine Stadt immer wandeln, anpassen, verändern können. Urbanität ist Adaptabilität. Die Phase der Stadtentwicklung, in die wir jetzt eintreten, ist spannend. Dank der Pandemie sind wir in der Lage, uns darauf zu fokussieren, was eine Stadt stark macht — nicht perfekt. Und wie Winston Churchill schon sagte: Vergeude niemals eine gute Krise.


Oona Horx-Strathern

ist Irin und arbeitet seit über 25 Jahren als Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin. Als Mitwirkende des Zukunftsinstituts fertigt sie zahlreiche Studien an und schreibt Bücher, die das Wohnen und Bauen der Zukunft thematisieren. Jährlich veröffentlicht sie außerdem den Home Report, der 2021 insbesondere aktuelle Tendenzen wie das Home Office und alternative Wohnmodelle fokussiert. Die Plattformen ihrer Vorträge reichen von Architekturkonferenzen über Universitäten bis hin zur Bauindustrie und Design-Branche. Als Trend-Consultant war sie bereits für internationale Firmen wie Unilever, Beiersdorf und die Deutsche Bank tätig.

Dieser Beitrag erschien zuerst im polis Magazin „Essentials“.

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