Berlin – Underdog und Superstar

Berlins charakteristische Merkmale zu benennen, ist sehr viel schwieriger als für die meisten anderen deutsche Städte. Berlins Geschichte ist verlaufen wie die Fahrt eines volltrunkenen Fahrers bei Glatteis – in extremen Schlangenlinien. Bis heute fährt die Stadt einen ständigen Wechsel zwischen links und rechts, arm und reich, Erfolg und Misserfolg. Die Soziostruktur ist, wie die kaum einer anderen deutschen Stadt, durchgeschüttelt worden wie ein Cocktailshaker in der legendären Bar1000 unter den S-Bahn-Trassen an der Friedrichstraße. Dennoch sind einige Grundcharaktereigenschaften seit der Gründung Berlins erhalten geblieben. Sie bilden die „Gene“ der Stadt. Schauen wir also, woher das „typische“ Berlin, so wie wir es heute kennen und lieben, eigentlich kommt.

Die Geschichte Berlins
Unsere dynamische, wilde, schicke, schmutzige, arme reiche Hauptstadt glich zunächst einem Spätkaufladen am Stadtrand: Nützlich, um den schnellen Hunger zu stillen, aber eigentlich hässlich, von niemandem gewollt und geliebt und nur da, weil irgendwie wirtschaftlich rentabel und erfolgreich. Erfolgreich vor allem deswegen, weil ihre Inhaber immer sehr fleißig waren. Genauso wie die ersten Berliner: hart arbeitend und ausdauernd. Wer auch immer die Idee hatte, um 1200 inmitten des sumpfigen Gebiets an der Spree, im überwiegend slawisch bevölkerten Gebiet der Mark Brandenburg, weit ab der Hauptstadt Brandenburg an der Havel, eine Handelssiedlung zu gründen, er ahnte wohl kaum, wie groß Berlin einmal werden würde. Berlins Gründung basierte nicht auf Liebe oder historischem Missionsbewusstsein: „Brlo“ war der slawische Begriff für ein trockenes Areal im Sumpfgebiet. Erst viel später wurde der Bär zum Wappentier und man versuchte, die Namensgebung auf das edle Tier zurückzuführen. Zum Handelsfleckchen „Brlin“ existiert nicht einmal eine Gründungsurkunde. Namentlich taucht sie nebenbei in einer kirchlichen Urkunde des Jahres 1244 auf.

Niemand liebte Berlin
Vom heutigen Berlin-Hype war in der Anfangszeit nichts zu spüren. Niemand wollte die Stadt, aber irgendwie funktionierte sie. Die Berliner waren leistungsfähig, flexibel und schon damals sehr unkonventionell und pragmatisch: was nicht passte, wurde passend gemacht, und was nicht klappte, ließ man eben bleiben. Die Berliner wussten um ihren Ruf als „Underdogs“ und nahmen so wenig Rücksicht auf Tradition, Religion und Nation. Ihr Pragmatismus war ihre einzige Chance. Was heute kaum jemand weiß: Die Stadt schloss sich bald der Hanse an und war ein ziemlich aktiver Player des nordeuropäischen Wirtschaftsnetzwerks. Coelln-Berlin wurde so ziemlich schnell reich. Der Bau des Mühlendamms, auf dem heute die Autos vierspurig über das Wasser rasen, wurde zur Wiege des Wirtschaftswachstums. Der Lastenverkehr konnte fortan viel einfacher die Spree auf der Straße passieren. Dafür mussten jedoch die Schiffe ihre Waren umladen. Und Berliner verfügten, dass alle Kaufleute einen Teil ihrer umzuladenden Waren auf dem Berliner Markt anbieten mussten. Ein gewiefter Zug, der aus dem Drecksdorf am Sumpfrand einen internationalen Großhändler machte – aus dem ehemaligen Spätkauf wurde ein Designer-Outlet mit Luxuswaren zum günstigen Preis. Parallel dazu entwickelte sich auch der Arbeitsmarkt: Coelln-Berlin hatte plötzlich viel mehr Jobs als Einwohner. Überall warb man um neue Mitarbeiter, ungeachtet ihrer Religion, Herkunft oder Ausbildung. Hier liegt auch Ursprung für den Vergleich zu New York: Beide Metropolen hatten schon immer Lust auf mehr. Anything goes in New York und erst recht in Berlin.

Was Berlin von New York unterscheidet, ist, dass es gleich mehrere soziale Katastrophen er- und überlebte: Seuchen, Besetzungen, Kriege, Revolutionen, Zerstörungen. Ende des Dreißigjährigen Krieges hatte die Stadt nur noch 6.000 Bewohner. Sie war verwüstet. Eigentlich existierte sie gar nicht mehr. Trotzdem schaffte es Berlin, bis 1920 die drittgrößte Stadt der Welt zu werden (nach New York und London). Aus dem Underdog war ein Superstar geworden – und zwar so einer, der unter eklatanter Selbstüberschätzung und Starallüren litt. Die Quittung folgte in Form zweier historischer Katastrophen: 1918 und 1945. Danach war auch dem einstigen Superstar klar, dass Bescheidenheit zwar langweilig ist, aber langfristig besser funktioniert. Ab 1946 kümmerte sich Berlin daher lieber um sich selbst. Von beiden Seiten der Mauer hörte man viele Jahrzehnte lang nichts Besonderes. Der Ex-Superstar hatte seinen Entzug hinter sich und bevorzugte es, sich von der Weltöffentlichkeit fernzuhalten. Aus Berlin wurde ein leiser Gigant. Und dann – vor genau 25 Jahren – kam die Wende. Bleiben wir bei der Superstar-Analogie: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein ehemaliger Star, Ihre Karriere liegt hinter Ihnen, um Sie herum ist es still geworden. Dann plötzlich schwenken die Scheinwerfer der Weltgeschichte wieder auf Sie! Auf einmal sind Sie wieder Mittelpunkt des Medieninteresses. Es ist Ihr großes Comeback. Und doch hat sich etwas verändert. Sie haben aus Ihren Fehlern gelernt und bleiben diesmal auf dem Teppich. Sie wissen: Ruhm ist eine falsche Schlange.

Genau diese Haltung ist charakteristisch für das neue Berlin und macht es für die Welt so interessant. Berlin gehört seit über hundert Jahren zur Liga der Weltstädte und hat gelernt, bescheiden zu sein. Berlin ist groß, aber nicht mehr größenwahnsinnig, stolz, aber nicht eitel. Die Stadt lebte den Rock’n’Roll mehr als andere Metropolen (sogar mehr als die große Schwester New York). Berlin hatte mehr Ups, mehr Downs, mehr Träume, mehr Kriege, mehr Hoffnung, mehr Verzweiflung. Berlin has „seen it all, done it all“. Vielleicht fühlen sich deshalb Weltstars wie Angelina Jolie, Brad Pitt, Tom Cruise, George Clooney oder Quentin Tarantino hier so wohl: Wir sind Seelenverwandte. Wir lassen uns vom Ruhm nicht mehr blenden und kennen die Schattenseiten des Erfolgs. Wir ziehen das Picknick mit Freunden im Tiergarten dem Gala-Empfang im Ritz Carlton vor. Ein Grund, wieso auch der vom Adlon-Impressario Jagdfeld gegründedete China Club nicht so gut funktioniert wie geplant. Berlin hat einfach keine Lust auf exklusive Elite. Berlin hat Lust auf Leben, auf Menschen, Gemeinschaft und Emotionen. Jeden Monat pilgern eine Million Menschen in die Stadt, um die jung gebliebene Dame zu bewundern, die erwachsen geworden ist, ohne ihre jugendliche Lust auf das Leben zu verlieren.

Berlins einzigartiger Charakter
Berlin ist eine Stadt, die aus ihren Fehlern gelernt und sich niemals vor Veränderungen verschlossen hat. Sie wurde gewaltsam angepasst, dressiert, vergewaltigt, verwüstet, zerbombt, zerteilt und wieder zusammengeklebt. Man konnte Berlin biegen, aber niemals brechen. Nicht ohne Grund zählt Berlin zu einer der tolerantesten Städte auf dem Globus. Jede Form von Lebenskonzept findet hier sein Zuhause. Toleranz ist ein Berliner Kontinuum seit dem späten Mittelalter. Und das so oft kritisierte Laissezfaire, der Schmutz der Stadt, die zahlreichen Graffiti – sie sind nicht etwa Ausdruck unfähiger Politiker oder leerer Kassen. Sie sind sichtbares Ergebnis einer gut gepflegten toleranten Haltung. Wer die echte Seele Berlins einmal spüren will, möge die Potsdamer Straße an einem Freitagabend entlangflanieren. Hier laufen strenggläubige Muslime an rumänischen Straßenhuren vorbei, die Intellektuellen in der Joseph Roth Diele beobachten die Ferraris der Glücksspiel-Mafia und der Szene-Designer betreibt sein Big Business direkt neben der Dönerbude. Hier – und vielleicht nur hier – ist all das möglich. Berlin ist immer in Bewegung. Nichts ist beständig, außer der stetige Wandel. Er ist Basis für große Träume und Inspiration. Das Auf- und Abtauchen verschiedener Trends, Lifestyles und Ideen, das nicht Festgelegte, das ewig Unfertige – das ist es, was vor allem junge Menschen fasziniert. Alles ist möglich, solange sich dein Reichtum nicht anhand deines dicken Geldbeutels, sondern anhand deiner Ideen messen lässt. Berlin ist keine Stadt, sondern eine Lebenseinstellung.

Zwischenstadium : Twen-Fräulein
Aufgrund der unbändigen Vitalität fühlt sich Berlin auch nicht wie eine 800 Jahre alte Stadt an. So, wie wir sie heute kennen, ist sie streng genommen erst 25 Jahre. In den mehrere Jahrhunderte alten Stadtfassaden schlägt das Herz eines Vierteljahrhundert alten Berlins. Seit der Wende sind ca. 1,5 Millionen Menschen weggezogen. Ungefähr genauso viele sind neu dazu gekommen. Seitdem weht ein frischer Wind und beeinflusst die gesamte Atmosphäre: Berlin ist frech, wild, unkoordiniert, von sich selbst überzeugt, süchtig nach dem nächsten Kick, laut und wie damals unkonventionell und undogmatisch. Vielleicht konnte sich deshalb Klaus Wowereit, trotz seiner eher mittelmäßigen politischen Leistung, so lange als Regierender Bürgermeister halten. Er vertrat den neuen Spirit des Twen-Fräuleins Berlin perfekt und ließ die junge Dame sein, wie sie war: arm, aber sexy.

Ein Blick in die Zukunft
Und nun? Was passiert mit der Stadt, nachdem der Longtermfeelgood- Bürgermeister sich nun verabschiedet hat? Ungeachtet politischer Mutmaßungen ist eins klar: Berlin wird wieder einen wirtschaftlichen Boom erleben, der uns alle überrascht. Dieser Boom wird aus den Kreativindustrien kommen. Schon heute sieht man die ersten Pflänzchen, die aus dem kargen märkischen Boden brechen: Delivery Hero, Zalando, Guido Maria Kretschmar, Harald Glööckler, Michalsky – sie bilden den Anfang. Überall stehen die Zeichen auf Wachstum. Die große Frage ist nicht, ob Berlin prosperieren wird. Die Frage ist, ob es Berlin schafft, reich zu werden und sexy zu bleiben. Die größte Aufgabe ist, Berlins Subkultur zu erhalten und die Stadt nicht zu glätten. Dass die Stadt so außergewöhnlich bleibt, wie sie ist, sollte uns alle interessieren. Deutschland hatte noch nie eine so junge, aufregende Hauptstadt, die das ganze Land in einem neuen Licht erscheinen lässt. Wir können nicht nur Autos und Panzer bauen. Wir können auch Musik, Mode, Film und Kunst. Wir sind auf einmal wieder mächtig – und zwar mächtig angesagt!

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