polis 04/2016

polis_Public_CoverWas erwarten wir eigentlich von einer Stadt? Die Frage mag seltsam klingen, denn die Antworten liegen doch plausibel auf der Hand. Eine Stadt muss funktionieren. Sie soll sicher sein, sauber und attraktiv. Wir wollen gut wohnen, unserer Arbeit in erreichbarer Nähe nachgehen, ein breites Warenangebot in der Innenstadt vorfinden und natürlich bei Zeit und Interesse vom vielfältigen kulturellen Leben partizipieren.

Aber ist das wirklich so? Wohnen können wir mittlerweile überall sehr gut, vielleicht außerhalb der Stadt sogar besser. Ob der Arbeitsplatz in der Innenstadt, am Stadtrand oder gar in der eigenen Wohnung liegt, ist in unserer Zeit zunehmend bedeutungslos. Wir verschwinden morgens in Räumen, die wir abends verlassen, um nach Hause zu fahren. Die Waren, die wir benötigen oder erträumen, bietet uns das Internet doch viel umfassender an, als jeder Laden in der City. Und über Netflix, Youtube, itunes und andere Portale kann ich mittlerweile über das Internet selbst die Aufführungen in der Met streamen.

Tatsächlich beeinflusst das globale Dorf des Internets mittlerweile ja auch entscheidend unser Verhalten und damit die Entwicklung der Städte. Wo könnte man das besser ablesen, als in den Cities. Der einst so starke Handel, heute als stationär tituliert, ist kaum noch in der Lage, die Flächen der Vergangenheit zu bespielen. Die Innenstadt wird wohl über kurz oder lang wieder einer Mischnutzung entgegen sehen.

Dennoch sterben unsere Städte nicht. Ganz im Gegenteil. Man mag sogar ein teils euphorisches Verlangen nach Stadt erkennen, dass wider alle Rationalität und Funktionalität wahrnehmbar ist. Es führt zum Wachstum unserer Metropolen, es füllt die Kneipen und Cafes, es zieht in die Konzerte und Stadien, es belebt die Straßen und Plätze. Es ist die Sehnsucht nach Öffentlichkeit.

Der Erfolg des Gesamtkunstwerks Stadt ist eben nicht nur die effiziente Ordnung von Funktionen. Er lebt von genau den Qualitäten, die durch keine Empirie erfasst werden und die immer als sanfte Faktoren diskreditiert wurden. Erlebnis, Zufall, Überraschung, Begegnung, Provisorien und Irrationales bilden die wahrhaften Attraktionen, warum wir in die Stadt gehen. Es ist der öffentliche Raum, der hierfür die Szene und Kulisse bietet und es ist das Öffentliche, über das wir an allem Anteil haben können. Menschen zu begegnen, die man nicht kannte, Geschichten zu erzählen, die beeindrucken und Lebensentwürfe auszutauschen, die einem fremd sind, befriedigen das Theater des Lebens im Bühnenbild der Stadt. Alle, die das Glück haben, an der Gestalt der Städte mitwirken zu können, haben damit zugleich das Glück, ein Stück Öffentlichkeit für alle zu schaffen.

„I play the streetlife, because there’s no place I can go, Streetlife, it’s the only life I know,

Streetlife, and there’s a thousand parts to play“

Randy Crawford

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