polis 02/2017

polis_ FLOW_CoverWie unglaublich schwer muss es Carl Benz gefallen sein, die Ignoranz und den Spott zu ertragen, den ihm seine Zeitgenossen entgegen gebracht haben. Wie kann man auf die Idee kommen, eine sich selbstbewegende Maschine zu erfinden? Wahrscheinlich hat es unzählige fachliche Expertisen, öffentliche Kommentare und ökonomische Beurteilungen gegeben, die attestierten, an welchen Unsinn der Ingenieur bis hin zur wirtschaftlichen Pleite glaubte.

Aus heutiger Sicht fällt es leicht, sich auf die Seite des Erfolgs zu stellen und andersherum zu fragen, wie man diese Erfolgsgeschichte des Automobils nicht erkennen konnte. Wie aber entrinnt man dem Dilemma, wenn einem der Rückspiegel auf eine lange Entwicklung fehlt?

Das Phänomen des Kreativen ist und bleibt für jede Gesellschaft eine Herausforderung. Eine Idee lässt sich nicht beweisen. Sie ist etwas Neues und markiert einen Anfang. Sie hat Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, kann alles werden oder sich ins Nichts auflösen. Scheitern oder Gelingen bleiben zwei Seiten einer Medaille. Ein Kreativer bleibt Visionär, egal ob als Ingenieur, als Pädagoge, Architekt oder Investor. Er lebt in dem Glauben, dass das was er sieht, einmal Wirklichkeit wird und muss es ertragen, als Visionär belächelt zu werden.

Das Streben nach Sicherheit und Perfektion steht einem solchen Denken immer entgegen. Wie kann eine Eichel beweisen, dass in ihr die Möglichkeit schlummert, einmal eine starke Eiche zu sein. Selbst das keimende Pflänzchen vermag nichts zu tragen, was von Bedeutung wäre. Wenn das Ausgereifte zur Messlatte für das Kreative wird, kann es keine Erneuerung, keine Veränderung und keine Bewegung geben.

Interessant ist, dass wir vermutlich alle die Hoffnung und Vorstellung teilen, unser Leben gestalten zu wollen. Nüchtern betrachtet scheint es in der menschlichen Natur zu liegen, gestaltend am Leben Teil zu haben. Und möglicherweise ist das sogar eine Sehnsucht, aus der Glück entsteht. Wahrscheinlich muss jede Gesellschaft für sich wieder mehr das Visionäre entdecken, das im kreativen Anfang nicht das Risiko und Defizit konstatiert, sondern den Zauber, der allen Dingen inne wohnt.

„I can go with the flow

But don’t say it doesn’t matter anymore

I can go with the flow

Do you believe it in your head?“

Queens of the Stone Age

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