HONGKONG: STUDENTEN ENTWICKELN VISIONÄREN WOHNRAUM

Mosquito-Units

Sham Shui Po – wo sich Hochhaus an Hochhaus drängt und doch zu wenig bezahlbarer Wohnraum existiert. Laut einer Studie stand im Jahr 2017 einem Bewohner hier gerade einmal eine Durchschnittswohnfläche von 4,6 m2 zur Verfügung. Der stetige Anstieg der Mieten und Lebenshaltungskosten zwingt viele Einwohner dazu, sich nach günstigeren Wohnalternativen umzuschauen. Besonders kleine Apartments, auch „mosquito“ units genannt, erfreuen sich immer mehr Interessenten – mit einer Gesamtgröße von etwa 180 ft2, also knapp 17 m2, sind sie nur marginal größer als ein typischer New Yorker Parkplatz. Zum Vergleich: Die Durchschnittsgröße einer US-amerikanischen Küche in neugebauten Apartments liegt in etwa zwischen 175 und 200 ft2 (etwa zwischen 16 und 18,5 m2)

Caged-home und bed-space-apartment

Wer sich auch das nicht (mehr) leisten kann, dem bleibt häufig nur der Einzug in ein sogenanntes caged-home oder bed-space-apartment. Eine Wohnform, die auf dem Prinzip einer Unterteilung von bereits existierenden Apartments fußt und bei der Gemeinschaftsküche und -bad, gerne auch mal ein und derselbe Raum sind. In einem solchen caged-home leben durchschnittlich 12 Personen. Was für die meisten Menschen als Dauerwohnsitz kaum vorstellbar ist, spricht in Hong Kong als Wohnkonzept mit ca. 171.000 Bewohnern und mehr als 66.000 gesplitteten Apartments für sich. Dort liegt das gesamte Bauland im Besitz der Regierung, die das Land an die meistbietenden Unternehmen verpachtet. Diese wiederum legen ihre Kosten auf die Mieter um. Die Mieten erreichen dadurch kaum bezahlbare Höhen, während die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Folglich geraten immer mehr Menschen in Wohnungsnot, weil sie sich „normalen“ Wohnraum schlichtweg nicht mehr leisten können. Ein regelrechter Teufelskreis.

Flexibler Wohnraum als Antwort auf die Wohnraumnot

Und genau da setzt das spekulative Design Flux Haus von Kammil Carranza, Jitendra Farkade und Vinay Khare an. Die Basis des Designs bildet ein Schienensystem, das um bzw. zwischen mehreren Hochhäusern entlang führt und Wohnraum in Form von Pods flexibel hin und her gleitet. Bewegt werden die Pods anhand eines 3-Achsen-Aufzug-Systems. Die Bewohner begeben sich am Eingang in die Pods und werden anschließend zu einer verfügbaren Position gefahren. Für eine konkrete Entwicklung dieses Designs konzipierten die drei ihr parasitäres Wohnsystem um die Harbour Green Towers in der Sham mong road. Die Wohntürme fungieren dabei als Stützpfeiler für die Konstruktion. Das System erlaubt, dank Roboterarmen, ein sich selbst konstruierendes Schienennetz, welches sich am Bedarf orientiert und gleichzeitig die strukturellen Kapazitäten berücksichtig. Die Anzahl und Dichte der Pods schwankt folglich. Die einzelnen Pods messen dabei gerade einmal 3 x 3 x 3 m, lassen sich aber aufgrund von AI- und IOT-Systemen flexibel transformieren und stehen auf diese Weise als Multifunktionsräume zur Verfügung, die von ihren Bewohnern nach Wunsch angepasst werden können. Dieser Wandel soll durch Schwarmroboter ermöglicht werden, die sich zu jeglichen Einrichtungsgegenständen flexibel und nach Wunsch formen. Die Wände bestehen aus Screens, die sich ebenfalls nach den Wünschen der Bewohner anpassen lassen. Belüftung und Beleuchtung sind als künstliche Systeme konzipiert, durch die architektonische Einbauten, wie Fenster, nicht nötig sind.

Individuelles Raumkonzept

Ein Teil des Konzeptes ist individueller Wohnraum in Multifunktionspods, ein anderer Teil sind gemeinschaftliche urbane Räume, für deren Umsetzung die Lücken zwischen den Wohneinheiten und Gebäuden dienen. Diese Flächen sollen zum einen Natur ins Wohnumfeld bringen und zum anderen Raum für Interaktionen zwischen den Nachbarn geben. Möglich gemacht werden diese gemeinschaftlich nutzbaren Räume durch das gleiche AI-System, das auch für das Andocken der Pods in freien Flächen verantwortlich ist.

AI- und IOT-Systeme als Revolution für Wohnraum

Zurzeit ist dieses Design nur eine Zukunftsvision für unser Wohnen. Vielleicht ist ihre Umsetzung aber gar nicht mehr so weit entfernt. Tatsache ist, dass wir schon heute vor der Herausforderung des knapper werdenden Wohnraums und steigenden Mieten stehen. Nicht umsonst entwickeln Architekten immer mehr Wohnkonzepte, die mit wenig Raum, vielseitige Nischenräume in immer dichter besiedelten Gebieten schaffen. Somit werden Städte bald nicht mehr auf visionäre Ideen verzichten können, die mit Technologien arbeiten, die z. T. aus dem Genre des Science Fiction stammen. Schließlich griffen die Entwickler für das Design des Flux Hauses auf bereits existierende Technologien und Forschungen zurück und extrapolierten sie. Hierzu zählen CoeLux, ein künstliches Fenster, das Sonnenlicht simuliert und Innen- zu Außenräumen verwandelt, und SlinkyBot, ein Bot, der in Form eines Schwarms Objekte und Einrichtungen formen kann. Könnten AI- und IOT-Systeme unser Wohnen revolutionieren?


© (2) courtesy of IAAC

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