DIE HAMBURGER PLANBUDE SETZT AUF DAS WISSEN DER BÜRGER

Manchmal muss erst etwas Altes weichen, damit Neues entstehen kann. So war es zumindest bei der PlanBude Hamburg, die sich als Reaktion auf den städtischen Konflikt um die Essohäuser gründete. Als der Abriss beschlossene Sache war, fand sich eine große und unabhängige Stadtteilversammlung in St. Pauli zusammen. Im Zuge der Versammlung wurde eine Resolution verfasst, die festhielt, man wolle die Planung des neuen Geländes nun in die eigenen Hände nehmen. Aus diesem Moment heraus bildete sich die PlanBude als interdisziplinäre Gruppe aus Stadtplanern, Künstlern und Architekten sowie Experten aus den Bereichen kultureller und sozialer Arbeit.

Das Team der PlanBude erstellte ein Beteiligungskonzept und präsentierte dieses der Stadt. Nach einigen Verhandlungen akzeptierte die Stadt das Konzept namens „Wir nennen es PlanBude“ und leitete erste Schritte ein, um Baurecht für das Grundstück zu schaffen. Die Grundlagen dafür legte die PlanBude durch einen sechsmonatigen, sehr intensiven Prozess einer sogenannten Wunschproduktion, die primär auf die Kreativkräfte der Menschen setzt. In diesem Zuge folgte der Beteiligungsprozess dem Prinzip der Offenheit: Jeder Interessent durfte sich einbringen. Die PlanBude sammelte unzählige ausgefüllte Fragebögen ein und klingelte an etwa 800 Türen, um die Stadtgesellschaft einzubinden. Mit Planungssitzungen in Kneipen versuchte die Gruppe, das klassische Territorium der Stadtplaner zu verlassen und Menschen im Alltag zu begegnen. „Unser Anspruch war es, das lokale Wissen der Menschen direkt und ungeschminkt einzubeziehen“, erklärt Christoph Schäfer, Künstler und Mitgründer der PlanBude.

Aus den etwa 2.300 Beiträgen der Stadtgesellschaft destillierte die PlanBude den „St. Pauli Code“. Dieser beschreibt die individuellen Atmosphären und die Kultur des beliebten Quartiers. Die PlanBude sieht im „St. Pauli Code“ ein profundes Wissen darüber, wie das Ökosystem des Quartiers, das die Bürger zum Teil vermissen, wiederhergestellt werden kann. Der Code dient der PlanBude insofern als strategisches Gerüst, vorhandenes Wissen für die Stadtentwicklung nutzbar zu machen. Ein Teil des „St. Pauli Codes“ ist das, was in Planersprache als „Mischnutzung“ bezeichnet wird. Sowohl die Stadt als auch die Bürger erkannten innerhalb der vergangenen Jahrzehnte, dass monofunktionales Bauen für St. Pauli problematisch ist. Infolgedessen setzte die PlanBude Fragen des Wohnens, der Gemeinschaft und des Arbeitens auf die Agenda. Ein Ergebnis des ausführlichen Austausches war u. a. der große Wunsch nach öffentlichen Dächern und Treffpunkten, die allen Menschen zugänglich sein sollen. Diese Gemeinschaftsorte sind ein wichtiger und produktiver Teil des Lebens und Treibens in St. Pauli, das bunt, gemischt und mitunter auch konträr und kontrastreich ist. Gemischte Nutzungskonzepte und öffentliche Räume sollen dem Quartier künftig seine teilweise verloren gegangene Lebendigkeit zurückgeben.

Mit ihrer Arbeit will die PlanBude auch das Thema der Legitimation von Planungsprozessen in den Fokus rücken. Die Wunschproduktion ist ein beispielhaftes Werkzeug, Planungen für eine breitere Öffentlichkeit verfügbar und interessant zu machen. Sowohl in strukturschwächeren Gebieten, die für das Kapital weitestgehend uninteressant sind, als auch dort, wo finanzstark entwickelt wird, wird Improvisation und aktive Beteiligung für Bürger zunehmend wichtiger. Vor dem Hintergrund dieser angespannten Bedingungen brauche es neue Organisationsformen von Beteiligungsprozessen, erklärt Renée Tribble aus dem Team der PlanBude. Dies trage primär auch zur Demokratisierung der Stadtplanung bei. „Grundsätzliche Fragen der Stadtentwicklung müssen frühzeitiger gestellt werden – und zwar an alle“, unterstreicht die ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Städtebau und Quartierplanung der HafenCity Universität.

In ihrem Archiv hat die PlanBude nun einen reichen Schatz kreativer Materialien aus ihrem Beteiligungsprozess. Auf der Website stellt die PlanBude darüber hinaus der Öffentlichkeit alle Materialien zur Verfügung. Die Beiträge zeigen städtische und urbane Vielfalt, Vielstimmigkeit und Komplexität, die man in abstrakten Begrifflichkeiten klassischer Planungsprozesse zuweilen vermisst. Fest steht: Es bleibt weiterhin spannend, wie sich das Projekt rund um die Essohäuser entwickeln wird. Erst wenn die neuen Essohäuser stehen, wird sich zeigen, ob Eigentümerin und Investorin und die Stadt den von der PlanBude ermittelten Wünschen der Hamburger auch in der Umsetzung gerecht werden konnten.

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© (3) Margit Czenki

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