CARSTEN RUTZ UND MICHAEL VOIGTLÄNDER: WERTVOLLES WOHNEN

© Sebastian Becker

Wenn wir unsere Gesellschaft heute betrachten, ist Familie ein Auslaufmodell oder steht die Familie vor einer neuen Renaissance?

Rutz: Ich glaube, Familie ist kein Auslaufmodell, aber die Form der klassischen Familie wie man sie aus dem Bilderbuch kennt, ist nicht mehr das einzige Modell. Familie kann heute vieles sein: Ob sie eine oder mehrere Generationen einschließt, die klassische Kleinfamilie mit Kindern meint, eine Erwachsenen-WG oder ein Patchwork-Modell. Alles ist möglich, alles ist eine Familie. Meiner Meinung nach definiert sich Familie aus all jenen Personen, die sich am Esstisch einer Wohnung treffen, um gemeinsam zu essen, und über die Ereignisse des Tages zu sprechen. Dabei spielen Blutsbande keine zentrale Rolle mehr.

Was gibt der Familie dann Orientierung, was definiert den Zusammenhalt?

Voigtländer: Demografisch gesehen, werden es weniger Familien. Mittlerweile kann man eine Verschiebung beobachten: Die ältere Generation gewinnt an Bedeutung und es entstehen immer mehr Single-Haushalte. Die Familie bleibt allerdings weiterhin wichtig. Nach wie vor lebt die Mehrheit der Menschen gerne in einer Gemeinschaft zusammen. Die Definition des Familienbegriffs wird schlicht erweitert und es ergeben sich vielfältige neue Konstellationen. Die Relevanz der Familie bleibt hoch, selbst wenn der Anteil der klassischen Familie insgesamt kleiner wird. Um dem Bedarf nach Zusammenleben begegnen zu können, braucht man die entsprechende Immobilie.

Wie passt die Digitalisierung zu diesem scheinbaren Bedürfnis nach sozialer Interaktion? Stellt die digitale Kommunikation ein Gegenmodell zur sozialen Gemeinschaft dar und ersetzt sie zukünftig?

Voigtländer: Ein persönlicher Austausch kann nicht substituiert werden. Bereits im geschäftlichen Kontext haben wir erkannt, dass ein Homeoffice-Modell allein nicht funktioniert. Nach wie vor bleibt der persönliche Kontakt und Austausch dringend notwendig. Dieses Bedürfnis ist im privaten Bereich noch viel entscheidender. Gespräch und Mimik, sprich das Verstehen und Deuten des realen Gegenübers, lassen sich durch soziale Medien nicht ersetzten. Deswegen hat das gemeinsame Leben in der Gesellschaft weiterhin einen sehr hohen Stellenwert.

Rutz: Das sehe ich genauso. Vor einigen Jahren gab es in vielen Unternehmen die Tendenz, reine Homeoffice-Modelle zu schaffen. Gunter Dueck, Mitglied der IBM, ging sogar so weit zu behaupten, dass wir überhaupt keine Büroimmobilien mehr brauchen, sondern vielmehr bestehende Wohnhäuser um Räume für das virtuelle Arbeiten von zuhause aus erweitern müssen. Mittlerweile wissen wir allerdings, dass die Installation reiner Homeoffice-Modelle gar nicht mehr unbedingt erwünscht ist. Der Wunsch nach sozialem Austausch sowie der Infrastruktur eines realen Büroraums im professionellen Kontext ist viel größer. Auch wir beobachten diesen Trend in unserem Unternehmen. Homeoffice-Angebote werden mittlerweile eher sporadisch wahrgenommen. Als soziale Wesen wird uns ein realer Austausch außerhalb der digitalen Welt immer wichtig bleiben.

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Gibt es für diese substanzielle Situation unabhängig vom Individualempfinden eine neue kollektive Wahrnehmung?

Rutz: Ob diese Wahrnehmung bewusst oder unbewusst ist, kann ich nicht genau sagen. Allgemein kann man sagen, dass sich der Mensch trotz der zunehmenden Rolle digitaler Medien nur im Kontext einer realen Sozialstruktur aufgehoben fühlen kann.

Voigtländer: Weiteres Indiz hierfür ist, dass Städte attraktiver werden. Die Menschen wollen neben der digitalen Welt, in der sie sich zunehmend bewegen, den direkten und unmittelbaren Kontakt zu realen Individuen. Dabei wird die Qualität einer Stadt höher bewertet, wenn sie Begegnungsräume wie Parks und öffentliche Plätze anbietet.

Familie als Treffpunkt, Wohnen als Familie. Wie kann man sich das in der heutigen Situation vorstellen? Wie organisieren Sie Familie und Begegnung in Quartieren bei dem aktuell hohen Flächendruck der Metropolen?

Rutz: Innerhalb der Familien bleibe ich dabei: Begegnungen in der Familie werden über Essen und Trinken am gemeinsamen Esstisch generiert. Diese Annahme bestätigt sich auch in unserem Buch Reihenhausmannskost. Leibgerichte und Lebensgeschichten. Im Rahmen des Projekts war der Fotograf Stan Engelbrecht über sechs Wochen mit einer Journalistin in unseren Wohnparks in Deutschland unterwegs. Vor Ort erfragte er die Lieblingsgerichte der Anwohner, bereitete sie gemeinsam mit ihnen zu und fotografierte sie dabei. Die zentrale Erkenntnis dieses Projektes war, dass der Esstisch an dem das Mahl schließlich eingenommen wird, den zentralen Ort des Familienlebens darstellt.

Im Museum für angewandte Kunst Köln haben wir daraus sogar eine Ausstellung gemacht. Bei sechs der Familien wurde eine Kamera über den Esstisch gehängt und im Zeitraffer auf die Tische im Ausstellungsraum projiziert. Diese Projektionen wurden mit Interviews hinterlegt. Das Ergebnis war immer dasselbe: Der Esstisch ist der Ort, wo man sich trifft und austauscht. Übertragen auf die Stadt, in der eben auch eine Gemeinschaft besteht, wird dieser Raum substituiert. Kölns Kneipenkultur ist vielleicht gerade deswegen so relevant, weil Theken für den hohen Anteil an Single-Haushalten die Familientische ersetzen. Aufgrund dieser Beobachtung organisieren wir in unseren Wohnparks neben festen Begegnungszonen auch Initialfeste in Form von Sommer- oder Richtfesten. Im Idealfall sind die Immobilien zum Zeitpunkt des Richtfestes bereits verkauft und die Eigentümer kommen so in ungezwungener Atmosphäre in Kontakt.

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Wie sollte sich der öffentliche Raum für Sie darstellen Herr Voigtländer?

Voigtländer: Unsere Aufgabe ist es, attraktiven öffentlichen Raum zu schaffen, in dem sich Leute gerne aufhalten. Andere Länder realisieren dies bereits deutlich besser als wir in Deutschland. Dort gibt es beispielsweise schon Konzepte für weniger Autoverkehr und mehr Begegnungszonen im urbanen Raum.

Rutz: Ich vertrete die provokante These, dass Deutsche einfach keine Orte erschaffen können, die zum Verweilen einladen.

Dabei ist das Phänomen der Sehnsucht unserer Gesellschaft nach attraktiven öffentlichen Räumen durchaus existent. Es besteht ein allgemeiner Wunsch nach einem öffentlichen Begegnungsort, neben dem privaten Esstisch.

Rutz: Diesbezüglich passiert bereits viel in den Niederlanden. Dort spielen die Privatgärten hinter dem Haus eine eher untergeordnete Rolle, wohingegen in den Vorgärten Bänke und Tische stehen.  Dort sitzt man und trifft sich. Wir haben dies als Beispiel genommen und in unseren Wohnparks ähnliche Vorgartenzonen in ansprechender Größe geschaffen. Zudem haben wir die Fensterzone zum Wohnraum vergrößert. Dadurch ist ein halböffentlicher Bereich entstanden, der es den Bewohnern ermöglicht, aus dem privaten Raum heraus in den Kontakt zu anderen Personen zu treten.

Wenn wir dieses Thema vom Soziomilieu her betrachten, dann ist es eine Herausforderung, diese Qualität familiär und auch nachbarschaftlich organisiert zu bekommen. Welche Unterschiede gibt es da?

Voigtländer: Unser Fokus lag auf dem Thema Wohneigentum. Ich bin überzeugt, dass vor allem das Eigentum einen geschützten Raum bereitstellt. Wir bauen zwar mittlerweile auch Geschosswohnungen, aber eigentlichen will die Mehrheit der Interessenten weiterhin das freistehende Einfamilienhaus oder auch das Reihenhaus erwerben. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verdichtung des städtischen Raumes gestaltet sich die Realisierung dieser Wünsche als schwierig. Der Wunsch nach einem privaten Rückzugsraum, der den Zugang zu öffentlichen Begegnungsstätten potenziell ermöglicht, ist groß. Um diesem Wunsch nachkommen zu können, werden immer mehr Konzepte und Initiativen entwickelt. Ein recht innovatives Modell stellen die schmalen Townhäuser dar. Für die Städte ist es wichtig, die Fehler der 70er Jahre tunlichst zu vermeiden und keine Monosiedlungen zu bauen. Es geht um eine gelungene Durchmischung der Bezirke mit Ein- und Mehrfamilienhäusern, von Gewerbe und Wohnen zwischen Infrastruktur und Freiraum. Eine vernünftige Balance ist wichtig.

Sie sind ja auch in den Mehrgeschossbau eingestiegen, wie lässt sich dieser Schritt vor dem Hintergrund der Kundeninteressen erklären?

Rutz: Korrekt. Und wir gehen sogar noch weiter und entwickeln aktuell einen Doppelhaustyp, da wir davon überzeugt sind, dass Quartiere von ihrer planerischen Durchmischung leben. Entsprechend sollte neben Reihen- und frei stehenden Einfamilienhäusern auch der Mehrgeschossbau seinen Platz finden. Man kann den Wunsch nach einem Einfamilienhaus nicht einfach abtun, nur weil wir keinen Platz dafür haben. Aber wir müssen gucken, wie effizient man diesem Wunsch nachkommen kann.

War der mehrgeschossige Ansatz eine Herausforderung für Sie?

Rutz: Das ist er bis heute. Die Logik und Systematik, die wir aus der Serienfertigung der Reihenhäuser synthetisiert haben, können wir nicht einfach über den Mehrgeschossbau stülpen. So verlangt der mehrgeschossige Bau komplexere Lösungen, was Fluchtwege, Haustechnik und Brandschutz angeht. Wir sind weiterhin in der Entwicklungsphase, auch wenn einige Kollegen erwarten, dass wir nach zwei bis drei Jahren auf dem Stand der Reihenhausfertigung sein sollten. Im Falle unserer Reihenhäuser berufen wir uns auf eine 20-jährige Bauerfahrung. Im Mehrgeschossbau gilt es, noch einiges aufzuholen. Nach unserem Pilotprojekt in Neuss bauen wir aktuell in Röthenbach an der Pegnitz Komplexe, die als erste der vollständig erarbeiteten Logik unserer Prozesse folgen werden. Die Baufortschritte sollen im November besichtigt werden. Vor Ort wird dann festgesetzt, was wir von den realisierten Baumaßnahmen beibehalten wollen. Vor allem müssen wir entscheiden, was wir uns leisten können und wollen, denn auch bei unseren Reihenhäusern leisten wir uns beispielsweise einige Elemente, die wir nicht über den Verkaufspreis zurückgespielt bekommen. Wir bauen nicht den Balkon, um des Balkons willen, sondern wir bauen einen Balkon, der sinnvoll genutzt werden kann! Will meinen, wir nehmen keine Fertiganbieter der Minimallösungen anbietet – das entspricht nicht unserer Philosophie. Wir fangen diese Kosten mit Prozessoptimierung auf. So sind wir auf einem guten Weg, zukünftig auch im Geschosswohnungsbau eine Kostenführerschaft zu übernehmen.

Kommen wir zum Thema Wohneigentumsquote. Wie stellt sich dieses Thema in Deutschland aus Ihrer Sicht aktuell dar?

Voigtländer: Die Zinsentwicklung hat die Preisentwicklung auf dem Markt überkompensiert. Infolgedessen ist die laufende Belastung für Wohneigentümer sehr viel geringer, als sie es noch vor zehn Jahren war. Auch der Bedarf an Altersvorsorge wächst. Hier kann Eigentum Miete kompensieren. Die Rahmenbedingungen sind somit gut und könnten als Chance für eine höhere Wohneigentumsbildung in Deutschland genutzt werden.

Allerdings ist die Vermögensbildung deutscher Haushalte im europäischen Vergleich unterentwickelt, was auch am mangelnden Wohneigentum liegt. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Eigentum ein fundamentaler Bestandteil der Sozialen Marktwirtschaft ist, denn als Eigentümer partizipiere ich an Produktionsmitteln und dem Grund und Boden. Obwohl Notwendigkeiten und Chancen zur Entwicklung bestehen, stagniert die Wohneigentumsquote allerdings seit 2010. Gründe liegen zum Teil im demografischen Wandel: Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben, hier ist allerdings der Markt an Wohneigentum gering. Zudem wächst der Anteil an Single-Haushalten stetig und Singles bilden in der Regel eher weniger Wohneigentum.

Darüber hinaus mangelt es den Haushalten an Eigenkapital. Der Zugang zu Wohneigentum ist weiterhin hoch, so kann zwar relativ günstig finanziert werden, aber neben der Grunderwerbssteuer, sind auch die Notarkosten und Maklergebühren hoch. Außerdem fordern die Banken Eigenkapital. Konkret bedeutet das, dass man somit rund 20 Prozent des Gesamtpreises an Eigenkapital braucht, um Wohneigentum zu generieren. Nun sind allerdings auch die Immobilienpreise drastisch gestiegen. Damit machen wir vielen Haushalten den Zugang unmöglich. Es sollte eine gesellschaftliche Aufgabe sein, die Hürde für künftige Eigentümer niedriger zu gestalten! Zudem hat unsere jüngste Studie nachgewiesen: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass man Wohneigentümer wird, steigt signifikant dadurch, dass die Eltern auch schon Wohneigentümer waren. Kinder von Wohneigentümern können durch eine vorgezogene Erbschaft oder einen Privatkredit der Eltern, den diese wiederum durch eine Beleihung ihrer Immobilie generieren, Eigenkapital schaffen. Wenn sich Wohlstand und Vermögensbildung auf diese Weise vererbt, haben wir eine zunehmende Divergenz zu erwarten. Die Vermögenden werden immer vermögender und denen, die kein Vermögen haben, wird der Zugang zunehmend erschwert. Das begünstigt die soziale Spaltung der Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es dringend erforderlich, eine Eigentumsgerechtigkeit zu schaffen. Wir sollten uns ein Beispiel an Nachbarländern wie England, Frankreich oder den Niederlanden nehmen.

Rutz: Zusätzlich haben Wohneigentümer ein deutlich höheres Sparaufkommen, als Nicht-Eigentümer. Rücklagen für Sanierung und Reparaturen werden getätigt, wodurch weiteres Kapital aufgebaut wird. Nichteigentümer konsumieren eher und haben weniger Kapital. Das ist zwar gut für die Wirtschaft, sorgt aber eben nicht dafür, dass sich Kapital zum Erwerb anhäuft. Man könnte meinen, dass der Mieter das, was der Eigentümer in die Tilgung der Kredite steckt, spart. Real betrachtet tut er dies jedoch nicht, denn es ist eine große Herausforderung, auf langfristige Ziele wie die Altersvorsorge zu sparen.

Aber was erleichtert den Zugang in anderen Ländern? Was hindert die Deutschen, handelt es sich um ein kulturelles Problem?

Voigtländer: In den Niederlanden gibt es beispielsweise 2 Prozent Grunderwerbssteuer. Das Notarwesen ist liberalisiert. Man zahlt unter 1.000 Euro unabhängig vom Preis der Immobilie und der Grundbucheintrag kostet ein Viertel von dem, was er in Deutschland kostet. Sie haben Ausfallgarantien, die der Staat vergibt, dadurch braucht man weniger Eigenkapital. Hier kommt man also mit einem Drittel des Eigenkapitals aus und der Zugang zum Wohneigentum ist um einiges leichter. In Frankreich gibt es ähnliche Modelle. Hier in Deutschland gibt es zwar die finanziellen Mittel, aber der Staat nutzt sie bis dato nicht.

In Amerika ist die Umzugsquote deutlich höher als hier, gleichsam ist aber auch die Erwerbsquote hoch. So kauft und verkauft man eine Immobilie, auch wenn man nur drei Jahre dort wohnt. Die Deutschen ziehen durchschnittlich nur alle zehn Jahre um, und obwohl es sich bei der Preis- und Zinsentwicklung durchaus lohnen würde, bietet sich das amerikanische System trotzdem nicht an. Die Transaktionskosten sind einfach zu hoch. Eine weitere Stellschraube, an der von staatlicher Seite aus gedreht werden könnte.

Ein letzter Punkt: Mehr Wohneigentum wäre auch nützlich, um der Angst vor Gentrifizierung und Verdrängung in den Großstädten entgegenzuwirken. Wäre es nicht eine Idee, dass die Stadt an Stellen, wo sie diese Entwicklung befürchtet, gezielt Haushalte zur Generierung von Wohneigentum unterstützt? Durch gezielte Geldanleihen könnten Haushalte so Wohneigentum schaffen und schwieriger verdrängt werden.

Für eine familiäre Entwicklung ist dies nicht ganz risikolos. Wenn kein Eigentum gebildet wird und der Renteneintritt ohne Kapital erfolgt, ist der wirtschaftliche Druck hoch. Anfallende Pflegekosten könnten letztlich dann das Eigenkapital der nächsten Generation belasten.

Rutz: Schlimm ist die Situation in den Großstädten. In München können sich Rentner ihre Wohnungen wirtschaftlich nicht mehr leisten. Die immens hohen Mieten können mit einer regulären Rente nicht mehr abgedeckt werden. So werden sie gezwungen, sich aus den etablierten sozialen Verhältnissen zu lösen und in das Münchener Umland zu ziehen, um finanzierbaren Wohnraum zu finden.

Voigtländer: Die klassischen Systeme, wie gesetzliche oder betriebliche Altersvorsorge und Lebensversicherungen, bringen letztlich keine rentable Auszahlung mehr. Die Immobilie hingegen birgt – wenngleich ihr unterstellt wird, sie berge ein Klumpenrisiko – viele Handlungsmöglichkeiten. So kann man Immobilien im Rentenalter erneut teilweise beleihen, man kann sie verkaufen und zahlt die Miete durch das gewonnene Kapital. Wohneigentum schafft letzten Endes einen Wert, mit dem man was anfangen kann.

Allerdings sind wir Deutschen sehr konservativ und vorsichtig, was Geldanlagen angeht. Die Medien tun ihr Übriges: Sie propagieren, was bei einem Kauf alles falsch laufen kann, und schüren Ängste, wo im Grunde ein geringes Risiko besteht. Wenn man eine Immobilie als Selbstnutzer 20 Jahre bewohnt, ist es in der Regel niemals ein Verlustgeschäft, sondern ein Wert. Selbst in Schrumpfungsregionen bekommt man beim Verkauf vielleicht keinen hohen Gegenwert, aber zumindest während der Zeit, die man dort verbracht hat, hat man günstig gelebt. Bei den aktuellen Zinsen ist dies deutlich günstiger als in einem Mietverhältnis.

Auf der einen Seite steht das Klumpenrisiko, was allerdings häufig außer Acht gelassen wird, ist die Mietersparnis durch Eigentum.

Rutz: Fairerweise muss man sagen, dass man bei einem Kauf die Re-Investierungskosten einer Immobilie nie unterschätzen sollte. Heizungen müssen ausgetauscht werden, ein neues Dach gemacht werden etc. Aber es ist keine permanente Kostenstelle, wie eine monatliche Miete.

Voigtländer: Es müssen ja auch nicht alle Haushalte zu Eigentümern werden. Es gibt unterschiedliche Lebensentwürfe: Einige müssen und wollen ihren Wohnort häufiger wechseln, für diejenigen macht Eigentum keinen Sinn. Unter den aktuellen Bedingungen sollten wir dennoch deutlich mehr Wohneigentümer haben – und wir sollten hinterfragen, warum das nicht der Fall ist.

Eigentum ist ein Phänomen für sich. Wie agieren Ihre Käufer als Eigentümer in Ihren Projekten? Besteht ein Unterschied zu Mietern?

Rutz: Durchaus! Wir verkaufen grundsätzlich an Selbstnutzer und nicht an Kapitalanleger, auch wenn uns immer wieder Anfragen von Anlegern erreichen, die bemerkt haben, dass ein Reihenhaus eine rentable Geldanlage ist. Dennoch achten wir darauf, dass die Wohnanlagen zum größten Teil von Eigennutzern belegt werden. Eigentümer bemühen sich einfach mehr um die Anlage und die Gemeinschaftsflächen. Für uns ist das sehr wichtig, denn letzten Endes ist jede Anlage auch eine Referenz für uns als Unternehmen und so soll sie auch aussehen. Wenn man eine reine Mieterstruktur hat, führt das fehlende Verantwortungsbewusstsein für den Raum vor der eignen Haustür häufig zu Problemen.

Die Gentrifizierung hat durchaus auch ihre Relevanz. Die bürgerliche Rückaneignung urbanen Raums durch Eigentumserwerb wäre eigentlich ein fantastisches Modell zur Stadtentwicklung: Sollte man auf kommunaler Ebene eine andere Sensibilität dafür erzeugen?

Voigtländer: Im Prinzip schon. Die bedauerliche Entwicklung in Deutschland in der öffentlichen Diskussion ist allerdings, dass Wohnen nichts kosten soll. Nach dem Motto: geringe Mieten, Sozialwohnungen, kommunales Eigentum, das dann günstig vermietet wird. Immer wenn ich mit Städten oder Kommunen in Kontakt getreten bin, habe ich die Erfahrung gemacht, dass Eigentum keine Option darstellt. Nach Finanzkrise und Überschuldung der Städte und Kommunen gilt es als unerschwinglich.

Gesamtgesellschaftlich nehmen wir die sich uns aktuell bietende Chance nicht richtig wahr. In den USA gibt es viele private und auch kommunale Stiftungen, die Darlehen für sozial schwache Haushalte zum Wohneigentumserwerb bereitstellen. Auch als Instrument zur systematischen Aufwertung von Quartieren. Dafür mangelt es in deutschen Städten sowohl an Offenheit als auch an grundlegendem Verständnis für die Sachverhalte. Infolgedessen gibt es in deutschen Städten einen relativ geringen Anteil an Wohneigentümern: In Berlin liegt er unter 20 Prozent, in München unter 25 Prozent. Hier sollten und könnten Staat und Kommune deutlich mehr Haushalten zu Wohneigentum verhelfen.

Ist das familiäre Prinzip ein Erfolgsmodell für die Zukunft?

Rutz: Das hängt natürlich zunächst von der Definition von Familie ab. Der Wunsch, innerhalb eines Verbundes zu leben, ist nach wie vor groß, egal wie er aussieht. Somit denke ich schon, dass das familiäre Prinzip auch ein Prinzip der Zukunft ist. Der Familienverbund ist unsere Zielgruppe. Er ist das Konto, auf das wir einzahlen, sowohl intern als auch extern. Wir wollen Familienleben in der Stadt ermöglichen.

Voigtländer: Die Frage ist, ob man es an der engen Familiendefinition festmachen will. Wir Menschen sind an sich gesellig, wir suchen den Kontakt zu anderen und das soll sich auch im Wohnen widerspiegeln. Wir brauchen Räume zur Begegnung. Indem die Immobilienwirtschaft diese Räume lebendig gestaltet, kann sie einen wertvollen Beitrag leisten.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.


CARSTEN RUTZ

ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Reihenhaus AG. Nach dem Studium der Architektur an der FH Kaiserslautern, arbeitete er von 1996-2001 Planer und Bauleiter in Landstuhl. Von 2008-2010 war er Dozent an der IREBS Regensburg. Seit 2010 ist er bei der Deutschen Reihenhaus AG für die Bereiche Projektentwicklung, Unternehmenskommunikation, Recht, Vertragswesen, Personal, Finanzen, IT, Verwaltung und Vertrieb verantwortlich.

MICHAEL VOIGTLÄNDER

ist Leiter des Kompetenzfelds Finanzmärkte und Immobilien am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln. Nach dem Studium der VWL an den Universitäten zu Köln und der WWU Münster, arbeitete er von 2000-2005 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wirtschaftspolitischen Seminar der Universität zu Köln. Seit 2005 ist er am IW tätig.

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