MITTEN IM (STADT-)GESCHEHEN

© Tobias Dittmer

Auftrag der IBA Heidelberg

Noch bis 2022 ist die IBA Heidelberg mit dem Leitthema „Wissen | schafft | Stadt“ treibende Kraft von Prozessen und Bauprojekten in ganz Heidelberg. Bis vor einigen Jahren waren IBAs häufig auf die Präsentation von Neuheiten in der Architekturbranche beschränkt. Heute können sie als sogenannte Reallabore verstanden werden, deren Sinn und Ziel es ist, für einen bestimmten Zeitraum als Impulsgeber für die Stadtentwicklung zu fungieren und zu erforschen, wie das Leben und die urbanen Räume in der zukünftigen Stadt aussehen (könnten). Welches Potenzial birgt das Heidelberg der Zukunft?

Seit 2012 unterstützt die IBA Heidelberg unter der Koordination des geschäftsführenden Direktors Prof. Michael Braum und des kuratorischen Leiters Carl Zillich gemeinsam mit verschiedenen Akteuren die Umsetzung von Projekten, die zur erfolgreichen Stadtentwicklung beitragen sollen. Diese Projekte verteilen sich auf die Kategorien Wissenschaften, Lernräume, Vernetzungen, Stoffkreisläufeund das übergreifende Format Koproduktion. Im Hinterkopf stehen immer die Fragen: Wie können die Bedürfnisse des zukünftigen Heidelbergs erfüllt und entstehende Probleme gelöst werden? Diesen und weiteren Fragen gehen verschiedene Stadtakteure zusammen mit weltweit agierenden Experten auf den Grund. Auch die Finanzierung solcher Stadtentwicklungsprojekte darf als notwendiges Thema bei den wissenschaftlichen Dialogen nicht vernachlässigt werden.Vor diesem Hintergrund erfüllt Heidelberg als sogenannte „knowledge pearl“, also eine kleine Stadt, die sich durch ihre Universität einen Namen in der Wissenschaft macht und so Akteure der Wissenschaft anlockt, die besten Voraussetzungen für eine IBA.

Welche Projekte werden gefördert?

Im Zeitraum von zehn Jahren sollen Bildungs-, Forschungs- und Kultureinrichtungen, Studentenwohnheime sowie Parks und andere Stadträume um- bzw. gebaut und mit städtischem Leben gefüllt werden. Gemeinwohlorientierung und eine in Frieden lebende, vielfältige Gesellschaft gelten hier als Leitprinzip. Die jeweiligen Vorhaben nehmen in diesem Zusammenhang eine Vorreiterrolle ein. Die abgeschlossenen Projekte sollen neben sichtbaren räumlichen Umsetzungen auch auf kommunikativer Ebene einen Dialog über zukünftige Herausforderungen der Stadt schaffen. Zusätzlich wird erforscht, welchen Nutzen die gewonnenen Erkenntnisse für die Durchführung weiterer Projekte haben.

Die IBA durchläuft insgesamt drei Phasen: In der „Orientierungsphase“ werden die Themen der IBA erarbeitet, in der „Suchphase“ Ideen entwickelt und diese schließlich in der „Umsetzungsphase“ realisiert.

© Christian Buck

Wissenschaften: Erweiterung des Museums Sammlung Prinzhorn

Mit der Erweiterung des Museums Sammlung Prinzhorn befasst sich die IBA mit den zukünftigen Bauansprüchen und –potenzialen von Lehr- und Forschungseinrichtungen. Das Projekt liegt im Stadtteil Bergheim und wird in Zusammenarbeit mit den Projektträgern Universitätsklinikum Heidelberg und dem Verein Freunde der Sammlung Prinzhorn e. V. umgesetzt. Die Sammlung Prinzhorn ist eine international einmalige Kunstsammlung, die im Zeitraum von 1840 bis 1945 in psychiatrischen Anstalten entstanden ist. Die ca. 6.000 historischen Exponate bestehen neben Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen und Skulpturen auch aus Texten und Textilien. Die Mehrheit der Stücke sammelte Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn, dem die Sammlung ihren Namen verdankt. Dieser bemühte sich während seiner Zeit als Assistenzarzt in der Psychiatrischen Klinik Heidelberg um künstlerische Werke von psychiatrischen Patienten im deutschsprachigen Raum mit dem Ziel, ein Museum mit psychopathologischer Kunst aufzubauen. Seit 1980 wird die Sammlung durch Kunst von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung erweitert. Heute beläuft sich der Bestand auf etwas mehr als 24.000 Werke. Das Museum für die Sammlung entstand bereits 2001 in einem umgebauten Hörsaalgebäude der Psychiatrie in Bergheim. Neben der Präsentation der Exponate steht auch die Erforschung der Werke im Vordergrund. Ziel des Projekts ist es, durch die räumliche Vergrößerung des Museums einen besonderen Ort im Stadtteil Bergheim zu entwickeln. Geplant ist der Umbau des Nebengebäudes, der künftig mehreren Ansprüchen gerecht wird: Dem stetig steigenden Bestand an Exponaten, dem Wunsch nach einer Dauerausstellung, einem grafischen Kabinett sowie einem Raum, der für Seminare, Vorträge und Medienpräsentationen genutzt werden kann.

Auf diese Weise soll die Sammlung einerseits angemessener für das zunehmend internationale Publikum präsentiert und andererseits das Museum in seiner Rolle als Wissensvermittler unterstützt werden. Im Rahmen des Projekts eröffnete im Mai letzten Jahres ein Interim-Museumscafé, das nicht nur zur Attraktivierung der Umgebung beiträgt, sondern selbst Raum für weitere Aktionen wird und auf das IBA-Umbauprojekt des Museums aufmerksam macht. Die Realisierung des Cafés wurde durch eine Crowdfunding-Aktion ermöglicht.Neben der IBA halfen viele weitere (finanzielle) Unterstützer dabei, die Idee umzusetzen.

Lernräume: exPRO 3 Bildung, Lernen und Arbeiten in Zwischenräumen

Mit Projekten wie exPRO 3 Bildung, Lernen und Arbeiten in Zwischenräumennimmt sich die IBA der Aufgabe an, das Potenzial von Kultur- und Bildungseinrichtungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung voll auszuschöpfen. Der Name „exPRO3“ setzt sich aus drei verschiedenen Typen von Bildungsprojekten zusammen. Erstens: Experimentelle und praktische Bildungsprojekte, die den Prozess des Lernens durch bestimmte Arbeitsaufgaben initiieren und Interesse aufgrund ihres gesellschaftlichen Nutzens weckt. Zweitens: Externe Bildungsprojekte, die zwar in Zusammenarbeit mit Schulen realisiert werden, deren Lernstrategien jedoch von den typischen schulischen Vorgaben abweichen. Und drittens: Exzellente praktische Bildungsprojekte, die primär für das soziale Miteinander – auch im Zwischenraum zu den angrenzenden Stadtteilen – von Bedeutung sind.

© Yalla Yalla! – studio for change

Zum jetzigen Zeitpunkt ermöglicht der Verein Jugendlichen bereits alternative Lernstrategien in Form von Bildungs- und Lernprojekten im Gebäude des ehemaligen Bahnbetriebswerks zwischen Heidelberg-Wieblingen und -Pfaffengrund. Mit dem Wunsch, dieses stark gefragte Angebot sowohl inhaltlich als auch räumlich weiterzuentwickeln, hat sich WERKstattSchule e. V. bei der IBA Heidelberg beworben. Handwerkliche und künstlerische Projekte sollen auch in Zukunft Jugendliche verschiedener sozialer und schulischer Hintergründe zusammenbringen. Ziel des Vereins ist es, sich als Verbindungsstück zwischen den beiden Stadtteilen und der Bahnstadt zu etablieren. Der Ausbau des denkmalgeschützten Gebäudes soll zentral gelegene und für jeden nutzbare Freiräume, sowie außerschulische Bildungsräume für kreative (und) handwerkliche Aufgaben schaffen. Nach Vollendung des Umbaus soll das Gebäude auch neue Heimat für verschiedene gemeinwohlorientierte und sozialintegrative Projekte unterschiedlicher Einrichtungen und Träger werden. Das Besondere: Die Jugendlichen werden in den Bauprozess einbezogen und können so ihr handwerkliches Geschick erproben und ausbauen sowie ggf. den Einstieg in einen handwerklichen Beruf schaffen

© Tobias Dittmer

Zwischenpräsentation 2018

2018 erreichte die IBA Heidelberg die Hälfte ihres Projektzeitraums. Anlässlich dieser Halbzeit organisierte die IBA eine zum Teil interaktive Zwischenpräsentation, die für Besucher zwischen dem 27. April und dem 8. Juli 2018 im Mark Twain Center in der Heidelberger Südstadt zugänglich war. Die Ausstellung zeigte nicht nur die 17 Projekte und Projektkandidaten der IBA sowie ihre Unterstützer, sondern vor allem die bisherige Arbeit. Die Zwischenpräsentation richtete ihren Blick dabei auch auf Ideen und Beispiele aus dem internationalen Stadtentwicklungsdiskurs zum Thema „Wissen schafft Stadt“. Sogar nicht realisierte Konzepte erhielten Präsentationsfläche, um zu zeigen, dass zwischenzeitliche Rückschläge zu den Ideenfindungsprozessen in Heidelberg dazugehörten: Ein Entwicklungsschritt, mit dem bei jeder Art von Planung und Umsetzung gerechnet werden muss.

Ergänzend zur Präsentation im Mark Twain Center, veranstalteten über 50 Kooperationspartner im Rahmen eines Begleitprogramms weitere Highlights in Heidelberg wie das Concertini: Klangräume-Stadtvom KlangForum Heidelberg, diverse Filmvorführungen und parallele Ausstellungen mit thematischem Bezug. Unter dem Titel „Das Wissen der Stadt“ erreichte die IBA mit ihrer Zwischenpräsentation insgesamt rund 12.000 Besucher.

Zu diesem Zeitpunkt konnten fünf Projektkandidaten vom Kandidaten- in den Projektstatus aufgenommen werden. Auch vier Gastprojekte der Stadt Mannheim wurden in den Projektkatalog der IBA aufgenommen und ebnen mit ihrer gemeinschaftlichen Umsetzung den Weg zu einer überregionalen Stadtentwicklung.

© Tobias Dittmer

Nach dem erfolgreichen Abschluss der ersten beiden Phasen, befindet sich die IBA seit letztem Jahr nun in der letzten Phase, in der gemeinsam mit dem Engagement der Kooperationspartner und gut durchdachter Planung die Ideen konkrete Gestalt annehmen sollen. Die Ergebnisse der IBA Heidelberg werden schließlich 2022 in einer Abschlusspräsentation vorgestellt.

Schon jetzt zeigt das große Interesse von Jung und Alt, das sich nicht auf die Heidelberger beschränkt, welches Potenzial die IBA-Projekte in sich bergen. Der IBA ist es gelungen den Bürgern zu zeigen, welche Möglichkeiten urbane Flächen bieten. Darüber hinaus können die Bürgerinnen und Bürger selbst aktiv neue Lebensräume erkunden und eine Vorstellung davon entwickeln, wie „das Heidelberg der Zukunft“ einmal aussehen wird. Damit bringt die IBA Heidelberg letztlich auch Stadt(-bewohner) und Wissenschaft ein großes Stück näher zusammen.

Hier findet ihr außerdem den Gastbeitrag von Merle Plachta zur IBA Heidelberg aus unserer Ausgabe 02/2016 WISDOM.

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