ANDRÉ JOHN: ALL ELECTRIC

© ZVEI

Herr John, Visionen zu innovativen Verkehrskonzepten, die zudem klimafreundlich sind, existieren ja wie Sand am Meer. Dennoch scheint es mitunter, als sei der große Sinneswandel in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft noch nicht eingetreten. Inwieweit deckt sich dieser Eindruck mit der tatsächlichen Situation, wo stehen wir aus Ihrer Sicht wirklich?

Ich denke, wir stehen mitten im Anfang eines Umbruchs. Schauen Sie sich nur die Klimaschutzvorgaben an. Wir sprechen von 65 % weniger CO2-Emissionen, die Deutschland bis 2030 im Vergleich zu 1990 emittieren darf. In der Tat ein ehrgeiziges Vorhaben, wenn man bedenkt, dass in Deutschland seit 1990 die Emissionen im Verkehr sogar gestiegen sind. Diese und weitere Notwendigkeiten haben aus meiner Sicht in vielen Branchen sowie in Politik und Gesellschaft zwar schon zu einem Umdenken geführt, aber wir sind in der Umsetzung immer noch nicht konsequent genug.

Wie gestaltet die Elektroindustrie den Wandel der Mobilität?

Die deutsche Elektroindustrie ist eine hochinnovative Branche und kann für sich in Anspruch nehmen, mit bis zu 12.000 Patentanmeldungen im Jahr den Industriestandort Deutschland nachhaltig zu prägen. Diese Innovationskraft wirkt sich auch auf die Weiterentwicklung der Mobilität aus.

Die deutsche Elektroindustrie liefert beispielsweise mit ihren Sensoren, Aktoren und Halbleitern die Intelligenz in die Produkte. Dabei geht es sowohl um den Antriebswechsel auf der Schiene als auch um den auf der Straße. So tragen innovative Halbleiterlösungen im Automobilbereich unter anderem dazu bei, den Kraftstoffverbrauch und die CO2-Emissionen zu senken. Moderne Elektronik in den E-Autos managt zum Beispiel das Batteriesystem, sie sorgt für Bremsenergie-Rückgewinnung und verhilft so den Elektrofahrzeugen zu einer höheren Reichweite.

Die von Ihnen gerade angesprochene Elektromobilität ist zweifelsohne ein Baustein für die Mobilität der Zukunft. Welche Trends haben Sie im ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e. V.) außerdem identifiziert?

Künftig werden wir mithilfe von Vernetzung und Digitalisierung viel intelligenter unterwegs sein, sodass der gesamte Verkehrsfluss optimiert werden kann. Darin liegt ein riesiges Potenzial.

Außerdem wird die Fortbewegung auf der Schiene – noch stärker als bisher – in den Fokus rücken. Denn die Schiene ist ein überaus klimafreundliches Verkehrsmittel und hat das Potenzial, unmittelbar zur Klimaneutralität beizutragen. Der ZVEI setzt sich daher unter anderem dafür ein, dass die Verkehrsverlagerung auf die Schiene von der Politik mit Priorität bearbeitet wird. Um den Anteil am Schienenverkehr zu erhöhen, braucht es aber enorme Effizienzsteigerungen. Digitale Lösungen wie die Digitale Automatische Kupplung oder das European Train Control System und die digitalen Stellwerke müssen dafür schnell implementiert werden. Auch die autonome Mobilität auf der Schiene muss noch schneller ermöglicht und ausgerollt werden. Die technische Entwicklung ist in der Hinsicht bereits sehr weit.

Und selbstverständlich sind elektrische Pkw und Lkw – eine nachhaltige Energiegewinnung vorausgesetzt – ein Trend, der eine klimafreundliche und zukunftsfähige Mobilität fördert.

Kurzum: Die Zukunft der Mobilität ist elektrifiziert, vernetzt und digitalisiert.

© Deutsche Bahn/Georg Wagner

Wenn elektrisch betriebene Fahrzeuge der Schlüssel klimafreundlicher Mobilität sind, warum ist dann die Bereitschaft der Menschen, ein E-Auto zu kaufen, immer noch relativ gering?

Die Elektromobilität ist jedenfalls Teil einer zukünftigen klimafreundlichen Mobilität. In meinen Augen sind für den weiteren Erfolg drei Dinge erforderlich: Der Verkauf von Elektrofahrzeugen muss weiter steigen. Hier geht der Trend ja bereits eindeutig in die richtige Richtung.

Zweitens muss eine ausreichende und nutzerorientierte Ladeinfrastruktur vorhanden sein – kein Mensch möchte zukünftig mit einer Vielzahl unterschiedlicher Tankkarten und diversen Abrechnungssystemen die Stationen freischalten. Dafür brauchen wir aber keine zusätzlichen Regulierungseingriffe mit verpflichtenden, völlig überholten Kartenbezahlterminals, sondern ein europaweites flächendeckendes und verpflichtendes Tarif-Roaming an allen Ladesäulen der EU.

Und drittens müssen die Stromnetze und Autos so ineinandergreifen, dass der Ladevorgang so einfach und effizient wie möglich ist.

Die Bereitschaft der Menschen, auf ein Elektroauto umzusteigen, ist groß: Aktuelle Studien zeigen, dass über 60 Prozent der Autofahrerinnen und Autofahrer in Deutschland bereit wären, jetzt auf ein Elektroauto umzusteigen. Auch die Fahrzeugauswahl steigt rasant und die Entwicklung, gerade in der Batterietechnik, ist extrem dynamisch. Politische Entscheidungen müssen diese Dynamik und Bereitschaft nun in konkreten Wandel ummünzen.

Dann hapert es bei der Verkehrswende vor allem an den politischen Rahmenbedingungen und weniger an der Technik?

Die Technologien für die Mobilitätswende sind vorhanden. Schwieriger wird es schon, wenn es darum geht, neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Dass es notwendig ist, neue Partnerschaften einzugehen, hat noch nicht jedes Unternehmen für sich erkannt. Dies ist jedoch immens wichtig.

Und tatsächlich essenziell sind die passenden politischen Rahmenbedingungen für den Erfolg der Verkehrswende: Seit Jahren weisen wir beispielsweise darauf hin, dass Änderungen im Bereich des Miet- und Wohnungseigentumsrechts erforderlich sind, um Hürden bei der Installation von Ladepunkten abzubauen. Da hat sich glücklicherweise einiges getan, es könnte aber auch noch weitergehen. Was fehlt, ist der Ausbau der Ladeinfrastruktur in den Städten und Gemeinden. Hierzu braucht es politischen Willen in den Kommunen und eine gute Ausbildung und Befähigung der Verwaltungen, damit das Thema gezielt und beschleunigt den Weg durch die Bürokratie finden kann. Fördermittel und Investitionsbereitschaft sind vorhanden.

Große Herausforderungen liegen zudem in der Regulierung, um neuen Mobilitätskonzepten zum Durchbruch zu verhelfen. Das betrifft unter anderem Regelungen zum Umgang mit Daten oder auch Zulassungs- und Standardisierungsverfahren beim vernetzten und autonomen Fahren auf Straße und Schiene. Zwar hat der Gesetzgeber mit dem Gesetz zum autonomen Fahren reagiert, aber es muss jetzt weitergehen. Die Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Wir brauchen zum Beispiel erneut die Förderung zur Digitalisierung kommunaler Verkehrstechnik, wie wir sie aus dem ausgelaufenen Programm „Saubere Luft“ kennen.

Wie sieht Ihre persönliche Vision von der Mobilität im Jahr 2050 aus?

Wir werden auch im Jahr 2050 mobil sein – nur anders als wir es heute sind. In erster Linie werden wir smarter und umweltfreundlicher unterwegs sein. Und es wird auch Stadtbezirke geben, in denen der überwiegende Teil der Menschen kein eigenes Auto besitzt. Stattdessen werden wir eine deutliche Zunahme neuer Mobilitätskonzepte beobachten, was unsere auf das Auto ausgerichteten Städte von ihrem Städtebild her stark verändern wird. Vor dem Hintergrund zunehmender Urbanisierung rechne ich mit einer Stärkung öffentlicher Verkehrsinfrastrukturen, wie etwa S- und U- Bahnen. Gerade dort wird die Digitalisierung der Verkehrstechnik und die Vernetzung der Fahrzeuge für reibungslosere Verkehre und höhere Taktungen sorgen und so den Mobilitätsdruck auf die Ballungsräume entlasten können.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr John.

ANDRÉ JOHN

verantwortet seit 1. März 2021 die Mobilitätspolitik als Leiter der Plattform Mobilität im Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI). Zuvor war der studierte Politikwissenschaftler als Referent für Bildungspolitik im Verband tätig. Zwischen 2017 und 2019 war André John in leitender Funktion für die verbandspolitische Abteilung sowie das Hauptstadtbüro der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation zuständig.

 

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