ANDREAS REITER: DIE INNENSTADT ALS LETZTE ANALOGE IKONE

© Oliver Wolf

Schon einmal diente eine Gesundheitskrise dazu, die Stadt in die Moderne zu katapultieren: im 19. Jahrhundert forcierten Epidemien (Typhus, Cholera u.a.) einen Hygiene-Schub und eine radikale Modernisierung der städtischen Infrastruktur – kommunale Versorgungsnetze entstanden, Wasserleitungen etc., auch in die privaten Haushalte zogen neue Hygiene-Konzepte ein. Und so wird auch die Innenstadt post Covid zukunftsrobust und neu konfiguriert.

Wann immer man von der schleichenden Erosion der Innenstädte spricht, ist primär (und verkürzenderweise nur) der stationäre Einzelhandel damit gemeint. Es herrschte ja schließlich auch jahrzehntelang eine symbiotische Zweierbeziehung Innenstadt-Einzelhandel. Diese Beziehung geht zurück bis in die Gründungsjahre der (damals noch nobel anmutenden) Warenhäuser, fand seinen Höhepunkt im Wirtschaftswunder der 60er, 70er Jahre, das all die Karstadts, Herties & Co in die Nachkriegs-Brachen wuchtete. Ein quadratisches Denken dominierte infolge das Bild der Innenstadt: Einkaufszentrum mit angeschlossener Fußgängerzone. Diese Konzeption ist längst überholt und wenig attraktiv, die Aufenthaltsqualität deutscher Innenstädte – wir lassen jetzt mal die atemberaubenden romantischen Altstädte beiseite – wird im Durchschnitt denn auch nur mit 3+ bewertet (Quelle: IFH 2018). Also: Ärmel hoch – die Innenstadt wartet nun auf ihre Dekonstruktion und ihre neue Renaissance.

Nicht Covid-19, sondern die digitale Transformation verändert das Display der Stadt und ihre Besucherströme:

  • Zunehmende Virtualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft (Handel, Dienstleistungen, Bildung etc.)
  • Primat der Plattform-Ökonomie (stationäre Formate und starre Flächenkonzepte erodieren)
  • Blended Living (Arbeit und Freizeit überlappen sich immer stärker, multilokales Arbeiten setzt sich als künftige Arbeitsform durch, also ein Mix an Home Office, Büroarbeit und Mobile Working – mit der Folge, dass der künftige Bedarf an innerstädtischen Büroflächen sinken wird, Immobilienexperten gehen hier von einem Schrumpfen um ca. 10 Prozent aus).

Wir werden – auf lange Sicht – immer mehr zu einer ortlosen Gesellschaft, einer placeless society, Medien-Theoretiker wie Peter Weibel sprechen gar vom „Ende der Nahgesellschaft“. Aber es ist paradoxerweise eben dieses Remote Living, welches die Innenstadt von morgen neu konfiguriert. In der intelligenten Stadt von morgen überlagern sich analoge und virtuelle Sphären, alles fließt ineinander: Bricks und Clicks, Arbeit und Freizeit, Öffentliches und Privates. Je mehr der (virtuelle) Space um sich greift, je mehr Raum er in unserem Leben einnimmt, desto wertvoller, desto bedeutungsvoller wird der (analoge) Place. Unsere Mitte. Die Innenstadt – das emotionale Epizentrum der Stadtgesellschaft – wird zur letzten analogen Ikone auf der digitalen Reise des Stadt-Nutzers.

Zukunft bedeutet: neue Möglichkeitsräume aufzuspannen, und das gilt auch für die Innenstadt. Wo jetzt immer öfter Leere herrscht, wird morgen Fülle sein. Hybride, multifunktionale Konzepte, junges Leben statt Living Museum. Mutige Experimente statt minimal-invasivem Denken – sind nicht gerade die leerstehenden Karstadt-Filialen, die (schon bald) überflüssigen Parkhäuser wunderbare Spielwiesen für kreative Neubespielungen? Für den so wichtigen Mix an Wohnen, smarter Produktion, Kultur und Einkaufen?

Aus der traditionellen Zweierbeziehung Innenstadt-Einzelhandel wird jedenfalls eine Mehrfachbeziehung. Shopping ist dabei ein (künftig kleineres) Puzzle-Steinchen im städtischen Erlebnis-Set (Gastronomie, Kultur, Unterhaltung usf.). Natürlich wird weiterhin geshoppt, aber eben selektiver, bewusster. Showroom und Verkauf entkoppeln sich immer öfter, der Store wird zur Story, der Händler zum Marken-Dramaturgen. Kleinere Flächen, größere Wirkung. Sehnsüchte werden physisch geweckt, immer stärker online monetarisiert. Das bedeutet: die Marke muss sich als „Produkt“ zurücknehmen und als „Experience“, als sinnliches Erlebnis, umcodiert in die Lebenswelten der Konsumenten rücken. Vom Haben zum Erfahren.

Die Erfolgsformel der Innenstädte liegt in der Verschränkung der 3 K’s: Kommunikation, Konsum und Kultur. Und diese entfaltet sich am wirksamsten an hybriden Orten. Bibliotheken verschränken sich mit Markthallen, Schulen mit Theatern, Pocketparks und Kletterhallen, Restaurants mit Urban Farming auf den Dächern. „Nicht-Orte“ werden zu Orten umgestaltet, smart, grün und walkable. Universitäre Einrichtungen, Spin Offs, Schulen und Manufakturen werden in alte Gemäuer hereingeholt. Die Innenstadt von morgen brummt wieder – so wie einst im Mittelalter (die Trennung von Wohnen und Arbeiten erfolgte ja erst in der Industrialisierung).

Multi-Use-Orte werden zu begehbaren Narrativen, sie liegen bevorzugt an den Kreuzungspunkten der digitalen Nomaden, etwa im Umfeld von Bahnhöfen. Ikea errichtet in Wien gerade ein innerstädtisches Einkaufshaus am Westbahnhof, die 7-stöckige Shoppingwelt wird ergänzt durch Gastronomie, ein Lifestyle-Hotel u.a. begrünte Fassaden und eine (allgemein zugängliche) Dachterrasse machen aus dem Einkaufsort einen Dritten Ort, der vor allem eines generieren soll: soziale Qualität. In Basel wird auf den begrünten Dächern eines Migros-Marktes eine Sekundarschule (von Herzog & de Meuron) errichtet, in Innsbruck gibt es eine ähnliche Mischung Einkaufszentrum mit Gymnasium obendrauf schon länger.

Hybride Welten erfordern ein Ende des Silo-Denkens, ein achtsames Co-Development der Standorte, eine integrierte Co-Kreation von Immobilienbesitzern und Stadt-Akteuren (Wirtschaft wie Stadtgesellschaft).

Die ortlose Gesellschaft, erschöpft vom virtuellen Dauerfeuer der Zoom-Konferenzen und konsummüde, braucht künftig mehr denn je die Innenstadt als Identitäts-Anker, als „tätowierten Ort“. Und da sind wir alle als Mitgestalter gefordert.

Dieser Artikel erschien zuerst im aktuellen polis Magazin mit dem Titelthema „Rebirth„.


ANDREAS REITER

wurde 1958 in Innsbruck geboren. Er studierte Soziologie in Innsbruck und München und arbeite in beiden Städten auch als Übersetzer. Ende 1996 gründete er das ZTB Zukunftsbüro in Wien. In seiner Funktion als Büroleiter und Zukunftsforscher berät er Unternehmen, Kommunen und öffentliche Institutionen im deutschsprachigen Raum bei strategischen Zukunftsfragen sowie bei der Positionierung und markenkonformer Produktentwicklung.

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