WIE DIGITAL SOLL DIE GESELLSCHAFT SEIN?

Das Potenzial der neusten technischen und digitalen Trends konnten die Besucher der CeBit in Hannover Ende März 2017 begutachten. Die CeBit ist die weltweit größte Messe für Informationstechnologie und zeigt die Innovationen für die Stadt von morgen. Wirtschaft, Mobilität und künstliche Intelligenz waren unter anderem Themen, die auf der Messe präsentiert wurden. Von selbstfahrenden Autos über Biochips, die den Menschen mit dem Internet verbinden, bis hin zu „Pepper“, einem kleinen Roboter, der menschliche Gesten und Fragen versteht und mit seinem Gegenüber interveniert, ließ sich allerlei Nützliches und Skurriles auf der Messe finden. Die Digitalisierung durchzieht alle Ebenen des Lebens: Laut CeBit sollen bis 2020 ca. 50 Millionen Geräte mit dem Internet verbunden sein und unseren Alltag effizient und komfortabel gestalten. Die Welt wird smarter und das in rasantem Tempo.

Wie das Leben in einer Smart City aussehen kann, zeigt sich schon heute im Songdo International Buisness District in Südkorea, nur eine Autostunde südlich von Seoul entfernt. Songdo ist die wahrgewordene Utopie einer komplett vernetzten Stadt. 500 Millionen Tonnen Sand wurden im Gelben Meer aufgeschüttet, um Fläche für den neuen District zu schaffen. Seit 2005 entwickelt hier der Projektentwickler Gale International das Großprojekt, das bis 2020 zu seiner Fertigstellung  65. 000 Einwohner haben soll. Für seine digitale Ausstattung und Expertise hat Gale International Cisco, eines der führenden amerikanischen Unternehmen der Telekommunikationsbranche, ins Boot geholt. Keine Frage:  Songdo ist nachhaltig und intelligent – 30 % energiesparender ist die Stadt im Vergleich zu herkömmlichen Städten. Zu 40 % besteht die Stadt aus Grünfläche, energiesparendes Bauen ist hier Standard und Müllwagen sucht man in Songdo vergebens: Die Müllentsorgung wird über ein über 56 km langes unterirdisches System von Rohren geregelt, in welches der Müll direkt von den Wohnungen und Büros aus eingespeist und anschließend recycelt wird. Nur knapp ein Dutzend Mitarbeiter regeln die städtische Müllentsorgung. 

Warenanlieferung per Drohne © Deutsche Messe

Kameras und Sensoren sind in dem District allgegenwärtig und sorgen für eine effiziente Regelung des Straßenverkehrs. In Songdo können die Bewohner sich stetig über Staus und Smoggefahr informieren. Die Straßenbeleuchtung geht erst an, sobald ein Fußgänger oder ein Auto in der Nähe ist, Falschparker werden sofort identifiziert und erhalten ihren Strafzettel online. Auch die Wohngebäude sind smart: Jede Wohnung ist mit einem Touchscreen ausgestattet, über den sich jegliche elektronischen Geräte im Haushalt steuern lassen und der Kühlschrank direkt die Einkäufe bestellt. Als kleines Extra kann der Bewohner seinen Energieverbrauch mit dem Durchschnittsverbrauch der Nachbarschaft vergleichen – eine Maßnahme die zum Energiesparen anregen soll.

Songdo entwickelt seine technische Ausstattung ständig weiter. In einem Pilotprojekt wurden Haushalte mit Videobildschirmen ausgestattet, über die sich die Bewohner weltweit mit Dienstleistern wie Sprachschulen oder Fintessstudios, aber auch mit Ärzten verbinden lassen konnten und ihre Anliegen von zu Hause aus klären konnten. Sogar der Zugriff auf die Kamera am benachbarten Spielplatz war im Versuch möglich, um einen Blick auf sein Kind zu werfen. In Songdo kann man sein gesamtes Leben von zu Hause aus gestalten – wenn man will. Was sich für die einen wie ein wahrgewordener Traum anhört, ist für die anderen ein Horrorszenario a la George Orwell und lässt Datenschützer laut aufschreien. Noch bleibt Songdo in dieser Form eine der wenigen Ausnahmen der total vernetzten Stadt. In Songdo zu wohnen heißt, sich bewusst für die Smart City zu entscheiden.

Modell eines autonom fahrenden Kleinbusses © Deutsche Messe

Der Blick auf die CeBit und Songdo macht deutlich, dass der digitale Wandel uns vor ungeahnte Möglichkeiten stellt, die fast schon grenzenlos erscheinen. Doch wie digital wollen wir in Zukunft leben und brauchen wir wirklich jede technische Innovation? Natürlich ist der Fortschritt gut und erleichtert unseren Alltag. Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass wir bequem von zu Hause aus mit einem Klick unsere Einkäufe erledigen. Dennoch macht es die Vielzahl an Innovationen, die auf den Markt kommen, schwierig zu unterscheiden, ob eine technische Neuerung auch ein Mehrwert für die Gesellschaft ist. In Berlin oder im Silicon Valley z.B. ist eine lebendige Szene entstanden, die nicht nur an neusten technischen Innovationen tüfteln, sondern auch daran arbeiten, diese mit Hochdurck als Bedürfnis der Gesellschaft zu vermarkten.

Ob sich eine Innovation durchsetzt oder nicht, liegt nicht nur an den technischen Möglichkeiten. Ein genauso entscheidendes Kriterium ist die gesellschaftliche und kulturelle Akzeptanz ihr gegenüber. Erst durch eine kollektive Anwendung wird eine technische Neuerung Teil unserer Gesellschaft. Bestes Beispiel ist hierfür das Smartphone, das uns mit der Umwelt vernetzt und kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken ist.  Die digitale Stadt kreiert ihre eigene Abhängigkeit zu der Technik. Denjenigen, die keine Medienkompetenz besitzen oder sich bewusst gegen den digitalen Wandel entscheiden, bleiben große Teile des Lebens verwehrt. Sie werden vom Fortschritt abgehängt. Es gilt sich die Frage zu stellen, ob wir mit dieser Entwicklung nicht vor den Grenzen des Fortschritts stehen. Was wir brauchen, ist einen gesamtgesellschaftlichen, kritischen Umgang mit dem digitalen Wandel, um von ihm zu profitieren und uns nicht dominieren zu lassen.


Beitragsbild © Deutsche Messe

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