ES LEBE DIE NACHT

Das Nachtleben stellt die Stadt vor komplexe Aufgaben. Diese zu lösen ist mancherorts die Aufgabe des sogenannten Night Mayors, also des Nachtbürgermeisters. Er vermittelt in erster Linie zwischen den Akteuren der Stadt, der Privatwirtschaft, Anwohnern und nicht zuletzt den Feiernden.

Ein florierendes Nachtleben berauscht sowohl die Bewohner einer Stadt als auch deren Besucher: Es zieht Menschen von nah und fern an und verleiht mancher Großstadt ihre pulsierende Atmosphäre. Allerdings birgt es vielerorts auch das Potenzial, aus dem Ruder zu laufen. Die Folge: Kriminalität, Gewalt sowie Einschränkungen und Verbote. Letztgenannte beschneiden dann wiederum einen zentralen Teil jener Erfahrungswelten, die viele Menschen überhaupt erst in die Städte treiben.

Ohne vermittelnde Instanz sind Stadtverwaltungen oft mit der Gestaltung des Nachtlebens überfordert. Das mag zum Teil auch daran liegen, dass sich die Anliegen vieler Beamter und Politiker, wenn überhaupt, nur geringfügig mit denen des Nachtlebens überschneiden und es so von Beginn an vordergründig als „Problematik“ begriffen wird.

In dieses Vakuum der Vermittlung wagt sich der Night Mayor. Seine Aufgabe ist es, zwischen den Akteuren der Nacht Brücken zu bauen. Mirik Milan, vormalig Amsterdams Night Mayor und der erste überhaupt, spricht von „Stadtplanung in der Nacht“. Die größte Schwierigkeit ist es, alle Interessenvertreter auf Augenhöhe zusammenzubringen. Doch nur so lässt sich eine Balance der Anliegen aller Beteiligten erzielen.

In Mannheim übernimmt seit August 2018 Hendrik Meier die komplizierte Rolle des Night Mayors. Der selbstständige Booker und lokale Veranstalter konnte sich gegen mehr als 40 Bewerber in einem Auswahlverfahren durchsetzen. Abgestimmt wurde demokratisch im Mannheimer Chaplin Club.

Wir haben uns mit dem Mannheimer Nachtbürgermeister über sein erstes halbes Jahr im Amt unterhalten.

Herr Meier, Sie stehen als Nachtbürgermeister vor einer Pionieraufgabe, die in Deutschland so noch niemand angetreten hat. Bei Ihrer Arbeit stehen Sie in einem Spannungsfeld zwischen Verwaltung, Clubbetreibern und Anwohnern. Was sind die größten Herausforderungen und wo fühlen Sie sich schon jetzt thematisch sattelfest?

Für mich war es eine absolut neue Herausforderung, so in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich sehe meine Aufgabe als sehr grundlegend an und kann mit meiner Arbeit nicht zuletzt auch die Aufmerksamkeit für die Nachtökonomie in Deutschland stärken.

Darüber hinaus musste ich neue Kompetenzen in völlig unerwartete Richtungen entwickeln, um zum Beispiel bei sehr emotional aufgeladenen Gesprächen mit Anwohnern vermitteln zu können. Auf der anderen Seite setzt die Kommunikation mit der Stadt eine andere fachliche Kompetenz voraus, da hier ein eher bürokratischer Ton herrscht. Die Informationen, die ich von der Verwaltung erhalte, dann an die Clubbetreiber weiterzutragen, ist die nächste Baustelle. Hier sind Schnittstellenkompetenzen gefragt. Manchmal ist es schwierig, der Vielzahl an Erwartungen gerecht zu werden. Als Nachtbürgermeister bin ich schließlich keine Vertretung für den tagsüber regierenden Bürgermeister, sondern in erster Linie ein Mediator, der den Dialog anschieben soll. Auch das musste ich zu Beginn erst kommunizieren.

Wo geht die „Reise“ für den Mannheimer Nachtbürgermeister hin? Was sind die Ziele dieses noch jungen Amtes?

Aktuell ist die Stimmung bei allen Beteiligten gut. Die Zukunft des Amtes lässt sich noch nicht genau voraussagen. Meine Aufgabe ist es weiterhin, Pionierarbeit zu leisten und das Konzept des Nachtbürgermeisters so zu implementieren und etablieren, dass es sowohl bei Clubbetreibern als auch bei der Verwaltung akzeptiert wird. Die Schwierigkeit besteht darin, eine Schnittstelle zu schaffen, die unparteiisch ist und gleichzeitig von allen Beteiligten als zuständig angesehen wird.

Sie sprechen immer wieder von der Funktion des Nachtbürgermeisters als Mediator und Schnittstelle. Bedeutet das nicht auch, dass von allen Seiten an Ihnen „gezogen“ wird?

Immer. In manchen Situationen fällt es mir nicht leicht, festzustellen, welche Seite recht hat. Grundsätzlich sehe ich mich in meiner Rolle als Mediator in solchen Situationen dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass beide Seiten einander verstehen. Das bedeutet, viele Gespräche zu führen und zu versuchen, die Argumente aller Seiten zu begreifen und zu versachlichen. Da es sich jedoch in den meisten Situationen um Einzelfälle handelt, gerate ich immer wieder in neue Situationen. Je mehr Fälle ich kennenlerne, desto einfacher wird es für mich, diese dann auch auf neue Fälle zu transferieren.

Das heißt also auch, dass Sie immer Verständnis für alle Beteiligten haben müssen. Ist das nicht auch manchmal schwer für Sie?

Die Aufgabe ist ein Mammutprojekt, das sich nicht von heute auf morgen umsetzen lässt. Es geht zunächst darum, erste Impulse zu setzen und alle Stakeholder zusammenzuführen, sodass diese im Idealfall auch Gespräche ohne Mediator führen können. In Mannheim versucht man derzeit, eine ganze Stadt zu revolutionieren. Das kann allerdings nicht die alleinige Aufgabe eines Nachtbürgermeisters oder Nachtmanagers sein. Wie bei allen großen Projekten müssen auch in diesem Fall alle Beteiligten zusammenarbeiten und ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Genug der Schwierigkeiten und Herausforderungen. Welche positiven Aspekte bringt Ihre Arbeit mit sich?

Für mich ist es immer ein Erfolgserlebnis, wenn Dinge funktionieren; wenn ich merke, dass etwas voran geht. Es tut gut, wenn innovative Initiativen auch von bürokratischer Seite genehmigt werden und keine Steine in den Weg gelegt bekommen. Schön ist es auch, wenn Gespräche, vor denen ich mir anfangs große Sorgen gemacht habe, sich im Endeffekt als sehr konstruktiv gestalten. Das alles sind kleine Erfolgserlebnisse, die mich ermutigen weiterzumachen.

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©Lih Tsan
©Yannick Dupps

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