BAUKULTUR DER ZUKUNFT

Oliver Platz, Präsident der Bremer Architektenkammer

Herr Platz, Sie sind Bremer Architekt und Präsident der Architektenkammer der Freien Hansestadt Bremen. Welchen Wert hat das Bremer Haus, ein Häusertyp, der das Stadtbild Bremens heute noch prägt, für die Stadt?

Der große Anteil an Reihenhäusern und die durch das Bremer Haus geprägten Quartiere sind eine städtebauliche Besonderheit, die Bremen von anderen deutschen Städten unterscheidet. Solche Unterschiede und Besonderheiten sind natürlich immer auch Träger der Identität einer Stadt und daher baukulturell sehr wertvoll. Bewohner und Besucher einer Stadt erleben durch spezifische Erfahrungen und Vorstellungen eine Stadt als einzigartig. Und Bremen ist einzigartig. Durch die Reihenhausstruktur in Bremen lassen sich eher Assoziationen mit London oder den Niederlanden feststellen und weniger mit Hamburg und Hannover, was viel naheliegender wäre.

Wie kam es dazu, dass dieser Baustil sich ausgerechnet in der Stadt Bremen manifestiert und dort funktioniert hat?

Es gibt sicherlich mehrere Gründe dafür, dass die Stadt Bremen sich im 19. Jahrhundert nicht wie so viele andere deutsche Städte an der Berliner Parzellierung orientierte. Zum einen war die Meinung vorherrschend, der Baugrund in Bremen sei schlecht, und zum anderen sehnte sich der freiheitsliebende Bremer nach seinen eigenen vier Wänden. Diese beiden Gründe sind wohl aber mehr Mythos als Realität. Laut einiger Quellen war vor allem der im 19. Jahrhundert florierende Handel inklusive des daraus resultierenden Geldüberflusses ausschlaggebend für die Entwicklung. Mit einer sogenannten „Handfeste“, einem Finanzierungsmittel, das im bremischen Recht eine Art frei handelbare Hypothek darstellte, wurde es damals auch einfachen Leuten ermöglicht Wohneigentum zu erwerben, das von vermögenden Bremern mit ihrem Geld finanziert wurde. Ein ganz normaler Arbeiter erhielt eine Handfeste, mit der er ohne das Vorweisen von Eigenkapital einen Kredit aufnehmen konnte. Er konnte aber häufig nur die Zinsen zahlen, die den wohlhabenden Bremern eine gute Rendite brachten in Ermangelung anderer Anlagemöglichkeiten. Solange der normale Arbeiter seinen Kredit nicht komplett getilgt hatte, gehörte die Immobilie samt erwirtschafteter Zinsen dem Kapitalgeber. So entstand eine Art formalen Eigentums der kleinen Leute. Dieses Vorgehen hat ein Stück weit zu der Struktur der kleinen Parzellen geführt.

Sicherlich hat aber auch eine bestimmte innere Struktur des Bremer Baugewerbes zur Entstehung des besonderen Baustils im 19. Jahrhundert beigetragen. Bremen war im Baugewerbe viel kleinteiliger strukturiert als andere Städte, sodass Bauunternehmen ihre Reihenhäuser vergleichsweise zügig hintereinander weg realisieren konnten. An einen großen Berliner Block hätten sich diese Unternehmen womöglich nie herangetraut. Des Weiteren hatte die Stadt Bremen durch Handelsbeziehungen nach Skandinavien, England und in die Niederlande natürlich einen ganz anderen Fokus – auch was die Beeinflussung des Baustils betrifft. All diese Aspekte, gepaart mit der Tatsache, dass Bremen ein Freistaat ist, haben denke ich zu diesem einzigartigen Städtebau geführt, der der Stadt heute ihre Identität gibt.

Und was sind die architektonischen Besonderheiten des Bremer Hauses?

Das Bremer Haus ist weit mehr als nur ein einfaches Reihenhaus. Es gibt das Bremer Haus in allen Größen. Die Bandbreite reicht von 60 m2 großen Häusern bis hin zu solchen, die rund 480 m2 groß sind. Diese großen Varianten des Bremer Hauses wurden insbesondere von hochrangigen Geschäftsleuten mitsamt ihren Bediensteten bewohnt. Eine weitere Besonderheit des klassischen Bremer Hauses ist die Vielzahl der in etwa gleich großen Räume, die unterschiedlich genutzt werden können und dadurch extrem flexibel sind. Dann kommt hinzu, dass das Bremer Haus – wenn auch nicht immer – ein Souterrain aufweist, das früher in der Regel für Nebenräume, Bedienstete oder die Küche genutzt wurde. Heute wird das Souterrain häufig ausgebaut und ist in der erweiterten Nutzung natürlich sehr wertvoll, da es zur Gartenseite ebenerdig in den Garten führt und damit vollwertige Wohnräume aufweist. Auch das Dach wird heute ausgebaut und lässt sich sehr gut weiterentwickeln. Die größeren Bremer Häuser sind in der heutigen Nutzung oft in zwei Einheiten geteilt, werden mit Praxen oder kleinen Büros bespielt. Eine weitere Qualität des Bremer Hauses ist das Leben, das sich vor dem Haus abspielt. Dort, wo es Souterrain und Hochparterre gibt und das Gebäude durch Abstandsgrün ein paar Meter von der Straße weg sitzt, halten sich die Menschen gerne vor den Häusern auf. Auf diese Weise entstehen Nachbarschaften. Das funktioniert auch heute noch wirklich gut – ich wohne selbst in einem Bremer Haus. Ein großer Nachteil dieser Architektur ist aber die fehlende Barrierefreiheit.

Die Barrierefreiheit spielt eine immer bedeutendere Rolle. Wie kann diese durch Maßnahmen auch in den alten Beständen sichergestellt werden? Altersgerechte Sanierung des Bremer Hauses? Wie gelingt das?

Das ist in der Tat ein wunder Punkt. Mit Blick auf Bestandsquartiere sieht man, wie hier und da versucht wird einen Lift im Straßenraum einzubauen. Aber selbst das gestaltet sich schon schwierig. Und was den Neubau betrifft, bin ich nicht der Meinung, dass alles im Stil des Bremer Hauses gebaut werden muss. Das Bremer Haus beziehungsweise das Reihenhaus ist ein Baustein, der aus den eben genannten Gründen grade der Stadt Bremen sehr gut tut. Dennoch wäre es nicht richtig, Neubauquartiere gänzlich mit Bremer Häusern zu entwickeln, so wie es in der Gründerzeit der Fall war. Ich mag die Idee, dass es in Neubauquartieren die Möglichkeit gibt, in einen naheliegenden Geschosswohnungsbau umzuziehen, der dann eben auch barrierefrei ist. Ich denke nicht, dass jedes Haus immer alles lösen kann – aber ein Quartier oder eine Nachbarschaft kann das sehr wohl.

Wie sieht denn Ihrer Meinung nach eine qualitativ hochwertige und passende Quartiersentwicklung für die Stadt Bremen aus?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Auch eine Stadt von der Größe Bremens ist nicht überall gleich. Es gibt Bremer-Haus-Quartiere, aber auch Quatiere aus den 50er und 60er Jahren, wie beispielsweise in der Neuen Vahr. Es gibt die Überseestadt, wo in den letzten Jahren insbesondere Geschosswohnungsbauten entstanden sind. An jedem Ort sollte der Blick auf das gerichtet werden, was dort gegeben und prägend ist. Aber auch auf das was fehlt. Ich möchte keine Austauschbarkeit, die sich leider in den letzten Jahren doch hier und da entwickelt hat. Wir sollten uns auf die bestehenden Qualitäten konzentrieren und hinterfragen, wie wir uns in der Vergangenheit verankern und gleichzeitig ein Bild für die Zukunft entwickeln können. Zwischen diesen beiden Polen können dann hochwertige, neue Dinge entstehen.

Wie viele andere Städte muss sich auch Bremen aufgrund mangelnder Flächen auf Maßnahmen der Nachverdichtung und Aufstockung konzentrieren. Wie kann dabei die Bremer Identität gewahrt werden?

Auch in der Nachverdichtung gibt es gute Architektur, der es gelingt, sich auf die Nachbarschaft zu beziehen ohne sich anzubiedern. Da Nachverdichtungsprojekte insbesondere in der Innenentwicklung nicht besonders groß sind, erhalten sie leider viel weniger Aufmerksamkeit. Das ist nicht nur in Bremen ein Problem. Und darunter leidet dann die Qualität. Nachverdichtung ist komplex und benötigt viel Aufmerksamkeit. Die schwierigsten Kinder brauchen am meisten Liebe. Dass dem vor allem in Zeiten der Hochkonjunktur nicht entsprochen wird, ist ein heikles Thema.

Die Rekonstruktion und Neuinterpretation des Bremer Hauses im Zuge von Neubaumaßnahmen steht groß in der Diskussion. Was denken Sie – ist es sinnvoll, an alten Strukturen festzuhalten oder sollte das Rad lieber neu erfunden werden?

Wir sollten uns die Qualitäten des Bremer Hauses ganz genau angucken. Die positiven Faktoren, die wir daraus ziehen, können wir dann gerne neu interpretieren. Statt das Alte zu hypen, sollten wir etwas Neues schaffen, das nach Bremen passt. Etwas, das sich augenscheinlich kulturell und geschichtlich in der Stadt verankert. Nicht nur über die Oberfläche, sondern auch in der Nutzung, der Funktion und der Grundrissorganisation. Das Bremer Haus war damals ein wichtiger Baustein, der Familien Eigentum ermöglich hat. Das könnten wir auch heute aufgreifen, indem wir die Vorteile gleichgroßer Räume nutzen und weiterdenken und überlegen, an welcher Stelle eines Gebäudes an- oder ausgebaut werden kann. Wir könnten die Statik so vorsehen, dass später – wenn die Familie wieder über finanzielle Spielräume verfügt – noch ein Stockwerk ergänzt werden kann. Außerdem könnten wir berücksichtigen, dass eine Nachbarschaft gut funktioniert, wenn die Bewohner vor ihren Häusern sitzen können und wollen. Wir sollten die positiven Elemente des Bremer Hauses adaptieren und für uns zukunftsfähig weiterentwickeln. Dann wird es auch automatisch bremisch.

Berücksichtigen Sie diese Leitgedanken auch, wenn Sie mit eigenen Projekten in Bremen tätig sind?

Wir sind derzeit als Büro in die Entwicklung der Überseeinsel involviert. Das Berliner Büro SMAQ hat die Rahmenplanung für die Überseeinsel übernommen und wir sind mit der Entwicklung einzelner Quartiere beauftragt. In unserem Entwurf funktional und sozial durchmischter Quartiere sehen wir zum Teil auch Reihenhäuser und gestapelte Reihenhäuser vor. Wir streben außerdem autofreie Quartiere an, damit die Bewohner sich auch wirklich vor ihren Häusern, in den Gassen und Straßen, aufhalten können und wollen. Mit Dr. Klaus Meier von der Überseeinsel GmbH haben wir großes Glück, da er sich auf dieses Narrativ, diese leicht romantische Geschichte einlässt und sie wertschätzt.

Inwieweit beschäftigen Sie sich mit der Architektenkammer der Freien Hansestadt Bremen derzeit mit dem Thema?

In Kooperation mit dem Bremer Senat und der Bremer Heimstiftung haben wir Ende 2018 eine Ideenwerkstatt unter dem Motto „Bremer Haus 2025“ ausgelobt. Wir haben festgestellt, dass das Reihenhaus als Bauaufgabe nicht mehr beim Architekten ankommt und sich in Bremen zu einem reinen Bauträgergeschäft entwickelt hat. Gemeinsam mit der Bremer Heimstiftung, die auf dem Ellener Hof in Bremen-Osterholz ein Stiftungsdorf plant, haben wir nun als ersten Aufschlag Architekten dazu aufgefordert sich zu bewerben. Am Ende haben wir sieben Büros ausgewählt, die ihre Ideen zum Bremer Haus 2025 auf den Grundstücken der Stiftung vorstellen. Die Grundstücke werden grundsätzlich nur in Erbpacht vergeben. Die Bremer Heimstiftung sucht nun unabhängige Bauwillige. Wir werden im Frühjahr 2019 eine Art Hochzeitsmarkt organisieren, wo die Architekten mit ihren Entwürfen auf Bauwillige treffen. Es wären die ersten Reihenhäuser seit langer Zeit, die in Bremen von Architekten für private Bauherrn gebaut werden würden.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Interview: Marie Sammet

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Oliver Platz

studierte an der Leibniz Universität Hannover Architektur. Erste Einblicke in die Planungspraxis sammelte Oliver Platz in zahlreichen studiumsbegleitenden Praktika im In- und Ausland, Auslandssemester führten ihn nach Delft (NL) und Nebraska (USA). Nach seinem Diplom 2000 folgte bereits 2001 die Gründung des Architekturbüros gruppeomp mit Oliver Ohlenbusch und Sven Martens. Parallel war er zwischen 2002 und 2012 im Rahmen von verschiedenen Lehraufträgen an der Leibniz Universität Hannover und der School of Architecture Bremen tätig. Mit der Berufung in den Bund Deutscher Architekten 2012, in dem er von 2014 bis 2016 zugleich stellvertretender Vorsitzender im Land Bremen war und seiner Wahl zum Präsidenten der Architektenkammer Bremen 2016, engagiert sich Oliver Platz zudem ehrenamtlich für den Berufsstand. 

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