WIEN: EUROPAS GRÖSSTE URBAN GARDENING SIEDLUNG

Die Stadt Wien zählt zu den lebenswertesten Städten dieser Welt. Erst kürzlich wurde die österreichische Hauptstadt im Zuge der internationalen Vergleichsstudie des Beratungs-Unternehmen Mercer gar wieder auf Platz eins gewählt: bereits zum zehnten Mal. Das ist sicherlich nicht zuletzt auch der Wiener Stadtentwicklung zu verdanken, die in Fachkreisen gerne als Vorbild gehandelt wird. Allein die Seestadt Aspern ist weit über die Grenzen hinaus als Vorzeigeprojekt europäischer Stadtentwicklung bekannt. Kaum verwunderlich, dass es der Stadt Wien nun auch tatsächlich gelingt das Versprechen von „Europas größter Urban Gardening Siedlung“ in die Realität zu verwandeln. Seit dem Baubeginn 2016 nimmt das 7,7 ha große Areal In der Wiesen Ost im 23. Wiener Gemeindebezirk in Liesing Mitte Form an. Unter dem Motto „Gärtnern in der Stadt“ entsteht hier eine Siedlung, die die Idee des Urban Farmings mit gefördertem Wohnungsbau kombiniert. Auf insgesamt fünf Bauplätzen entstehen entlang den Adressen Rößlergasse/Helene-Thimig-Weg rund 1.200 Wohneinheiten. Phase I der Entwicklung soll im Jahr 2020 fertiggestellt sein.

Ansicht vom Jugendspielplatz aus auf den Bauplatz 4 © Manfred Seidl, Wien

Das Areal bietet aufgrund seiner vorhandenen Strukturen – es wird von einigen Gartenbetrieben geprägt – eine ideale Basis für eine ökologische ausgerichtete Entwicklung, die zudem die Traditionen des Wiener Gemeindebaus der 1920er Jahre aufgreift und gleichzeitig eine Verknüpfung zur gegenwärtigen Themen – wie einer unabdingbaren, lösungsorientierten Auseinandersetzung mit dem Klimawandel – schafft. Urban Farming soll dabei nicht nur eine Gemeinschaftsaufgabe (innerhalb der Nachbarschaft) sondern darüber hinaus auch Bildungsaufgabe sein, die den ökologischen Fußabdruck eines jeden einzelnen reduziert. So wird beispielsweise der Bezug zur Erzeugung von Nahrungsmitteln wieder hergestellt und ins Bewusstsein gerückt. Doch wie manifestiert sich der Gedanke des urbanen Gärtnerns in einer Neubausiedlung? Die Leitlinien der Stadt Wien zur Entwicklung des Gebietes sehen hier einen großen Teich, großzügige Terrassen und Loggien, privat sowie gemeinschaftlich nutzbare Dächer und Gartenflächen sowie begrünte Fassaden vor. So wird beispielsweise ein Obsthain ebenso wie das Siedlungseigene Grabeland nachbarschaftlich gepflegt und die Ernte schließlich gemeinschaftlich verwaltet.

Schlussendlich soll also trotz baulicher Verdichtung eine intensivere Nutzung des Freiraums stattfinden. Die privaten Gärten und Terrassen, die im Zuge der Entwicklung von In der Wiesen Ost entstehen, greifen bewusst die bestehende Landschaft mit ihren traditionellen Gärtnereien auf und auch bestehende Gartenbauschulen in der Nachbarschaft werden in die Entwicklung mit einbezogen und können den zukünftigen Einwohnerinnen und Einwohnern mit ihrem Know-how zur Seite stehen, wenn es darum geht das Handwerk des urban farming intensiver zu erlernen. Denn „Wie wächst die Stadt?“ wird eine zentrale Frage im neuen Wohnquartier sein, der sich die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern intensiv widmen sollen. Die Stadt Wien möchte hier in gewisser Weise auch ein Umdenken anregen, welches Wachstum nicht unabdingbar mit dem Aspekt des Baulichen verknüpft. Viel mehr bedeutet Wachstum im Zuge der Verdichtung auch bzw. gerade deshalb die gemeinsame Entwicklung von hochwertigen und sinnvoll genutzten Freiräumen. Dabei müssen diese Freiräume nicht zwangsläufig ebenerdig gedacht werden. Viel mehr ermöglicht die Ausformulierung vielfältiger Wohntypologien mit differenzierter Ausgestaltung der Geschosshöhen auch eine neue Art der Freiraumbildung bspw. durch eine hohe Zahl an sogenannten Etagenterrassen für überschaubare Nachbarschaftsgärten. Hinzu erhält aber auch jede Wohnung einen privaten Freiraum für das persönliche Gartenerlebnis.

Marktplatz © Manfred Seidl, Wien

Erst kürzlich wurde der Bauplatz 4 fertiggestellt. Die Gestaltung geht auf das Wiener Büro synn architekten zurück, das 2016 den vom Österreichischen Volkswohnungswerk (ÖVW) ausgelobten Bauträgerwettbewerb für sich entscheiden konnten. Unter dem Projektnamen querbeet, das selbstverständlich die Idee des gemeinsamen Gärtnerns aufgreift, entstanden 243 sehr unterschiedlich ausgestaltete geförderte Wohnungen sowie ein 7-gruppiger Kindergarten. Das Volumen des Baukörpers, der sich über das Baufeld 4 erstreckt, ist in mehrere Teile gegliedert. Am Nord- und Südende ragen jeweils markante Türme auf. Sie sollen Orientierung bieten und gleichzeitig in da Wohnquartier einladen. Während der Süddturm den gemeinschaftlichen Platz markiert, fungiert der Nordturm als einladende Geste nach Osten, wo die Putzendoplersiedlung den Wohnbestand bildet. An der Nordseite des Nordturmes ergänzt der Gartenraum das gemeinschaftliche Angebot des Bauplatzes 4. Diese beiden Hochpunkte im Norden und Süden rahmen in gewisser Weise eine schlanke 3-geschossige abgewinkelte Spange und ein weiteres 3-geschossiges Volumen mit bewachsenen Balkonen.

Städtebauliches Konzept zum Bauplatz 4 © synn architekten

Im Knotenpunkt kragt die Spange über zwei Geschosse in Richtung bauplatzübergreifender Erschließungs- und Aufenthaltszone aus und bildet so einen Marktplatz aus. Neben privat nutzbaren Balkonen und Loggien haben auch synn architekten auf der Gemeinschaft zur Verfügung stehende Dachflächen in den Obergeschossen gesetzt. Während sich die Anlage insgesamt durch eine reduzierte, zurückhaltende Formensprache auszeichnet, rhythmisieren unterschiedliche Gebäudehöhen und differenzierte Bauvolumina die Gebäudemassen optisch-visuell und verleihen ihnen eine gewisse Leichtigkeit. Horizontale und vertikale Einschnitte, insbesondere im Bereich der sogenannten Gebäudespange, bringen viel Licht und erlauben immer wieder Ausblicke.

Fassadenausschitt © Manfred Seidl, Wien

Das Zentrum der Entwicklung auf dem Bauplatz 4 bildet der Marktplatz. Er ist nicht nur überdachte Freifläche, sondern auch das Zentrum aller Gemeinschaftseinrichtungen. Über den Marktplatz wird der Kindergarten ebenso erschlossen, wie drei gemeinschaftlich bespielbaren Pavillons, zwei Gemeinschaftsküchen, Mehrzweckräume, Terrassen und einige Gästewohnungen. Baulich haben sich die Wiener Architekten bei der Ausgestaltung des Platzes einige räumliche Besonderheiten einfallen lassen: So zieht sich der Platz auch in den Luftraum unter dem Baukörper durch. Dadurch wird das Gebäude nicht nur mit natürlichem Licht beleuchtet, sondern es entsteht auch ein sinnvoller Ausgang zum in Nord-Süd Richtung verlaufenden Verbindungsweg bis zur Spielwiese.

Die Entwicklung des Areals In der Wiesen Ost in Liesing Mitte wird wohl noch eine Weile in aller Munde bleiben. Insbesondere jetzt, wo unsere Städte zwangsläufig innovative Lösungen nicht mehr nur suchen, sondern auch in der Realität vorweisen müssen, um sich klimagerechter aufzustellen, geht Wien mal wieder mit gutem Beispiel voran. Mit der Entwicklung des Areals in Liesing Mitte gibt die Stadt eine entscheidende Antwort darauf, wie Freizeit zu Hause gelebt werden kann, wie Autofahrten zu Erholungsgebieten reduziert und somit der CO2 Ausstoß gesenkt werden kann. Durch landschaftlichen Ertrag vor der eigenen Haustür entfallen laufende Kosten für die „Freiraumpflege“ und auch der ein oder andere Schritt zum Supermarkt wird obsolet. Ein Konzept für die Zukunft?

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