DAS BREMER BALGEQUARTIER: EIN STÜCK STADTGEDÄCHTNIS

Das Essighaus mit der rekonstruierten mittelalterlichen Fassade.

DAS BALGEQUARTIER ALS BRÜCKENSCHLAG ZUR WESER

Längst hat sich die Stadt Bremen die Stärkung der Innenstadt als einen zentralen Punkt auf die Agenda in Sachen Stadtentwicklung geschrieben und erkannt, dass das Potenzial der oberen B-Städte – wozu sich auch Bremen zählen kann – längst nicht ausgeschöpft ist. Was an den A-Standorten längst ausprobiert, ausgeschöpft und auserzählt ist, kann in B-Städten wie Bremen noch erfolgreich zur Standortprofilierung beitragen und die Innenstadt auch überregional in die Aufmerksamkeit von Unternehmen und Investoren rücken. Aus diesem Grund steht die Bremer Innenstadt derzeit vor einem gewaltigen Umbau mit einem kaum greifbaren Investitionsvolumen von rund einer Milliarde Euro. Die Aufbruchsstimmung in der Innenstadt ist längst greifbar: Das „City Gate“ am Bahnhofsvorplatz, die Revitalisierung des Bremer Carrees, der Neubau des August-Kühne-Hauses, die Investitionen vom Bremer Unternehmer Kurt Zech … Die Liste ließe sich wohl noch ein paar Zeilen fortführen. Ob es der Entwicklung des Balgequartiers gerecht wird, sich in diese Liste einzureihen oder ob das Projekt aufgrund seiner Komplexität nicht viel mehr über allem steht, sei dahingestellt. Fest steht, dass das Balgequartier die Wiege der Bremer Innenstadt, die Wurzel hanseatischer Tradition bildet. Einst führte die Balge, ein 40 m breiter, rechter Seitenarm der Weser, die Innenstadt mit Marktplatz ans Wasser. Im frühen Mittelalter diente sie als erster Hafen der Stadt Bremen. Mit der Balge fing alles an. Hier entwickelte sich eine der ältesten Straßen der Stadt, die Langenstraße, zur damals wichtigsten Kaufmannsstraße Bremens. Die Obernstraße bildete sich zur größten Einkaufsstraßeheraus. Die Balge wurde 1838 zugeschüttet und ist damit längst Geschichte. Aufgrund ihrer enormen Bedeutung für die Entwicklung des heutigen Innenstadtzentrums geriet sie jedoch noch lange nicht in Vergessenheit und so wird das Balgequartier künftig ein Stück Bremer Geschichte atmen.

DR. CHRISTIAN JACOBS TREIBT ENTWICKLUNG VORAN

Geschichte schrieb hier an der Obernstraße noch jemand: Johann Jacobs. Er baute dort seine weltweit bekannte Kaffeeröster-Dynastie auf. Das Johann-Jacobs-Haus prägt als ehemaliger Stammsitz der Kaffeerösterei das städtebauliche Bild der Obernstraße noch heute. Bremer Traditionsunternehmen fühlen sich seit jeher besonders ihrer Stadt verbunden. Das beweisen nicht zuletzt Unternehmen wie Kühne + Nagel, die Zech Group oder Justus Grosse, die mit bedeutenden Projekten Einfluss auf die Bremer Stadtentwicklung nehmen. Die Entwicklung des Balgequartiers wird vom Kaffeedynastie-Spross Dr. Christian Jacobs angestoßen. Rund 100 Mio. Euro investiert er mit seiner Hanseatischen Grundivest GmbH in die Entwicklung – mit dem Ziel,der Stadt ein wichtiges Quartier zurückzugeben und die Innenstadt unter dem Projekttitel „Am Handlauf zur Weser“ wieder an die Weser heranzuführen. Die Projektentwicklung wird durch das Beratungsunternehmen Robert C. Spies betreut. Jens Lütjen, geschäftsführender Gesellschafter von Robert C. Spies, sieht im Engagement Dr. Jacobs’ einen Glücksfall für Bremen. Das liege besonders an dessen hohen Qualitätsansprüchen an Architektur und Funktionalität, aber auch an die Emotionalität des Quartiers. Die Bremerinnen und Bremer werden ganz besonders von der qualitativen Erweiterung der Fußgängerzone, neuen Aufenthaltsqualitäten im öffentlichen Raum, modernen Einzelhandel- und Gastronomiekonzepten und der Anbindung an Schlachte und Weser profitieren. Mit der architektonischen Ausgestaltung hat Christian Jacobs das Züricher Büro Miller & Maranta betraut, das vor einigen Jahren bereits das Jacobs-Museum in Zürich für die Familie geplant hat. Beim Bremer Senat trafen die Pläne von Jacobs zum historischen Stadtumbau auf unmittelbare Zustimmung, bildet das Projekt doch einen unheimlich wichtigen Baustein für die Neugestaltung der Innenstadt.

Das Entwicklungsareal rund um die Langenstraße wird eingerahmt vom Bremer Marktplatz, der Obernstraße und der Weser. Bei der Entwicklung des Balgequartiers wird der Fokus auf fünf historisch-eindrucksvolle Baudenkmäler gelegt: Johann-Jacobs-Haus, Stadtwaage, Essighaus, Justus-Grosse-Haus und Kontorhaus.

JACOBS HOF BIETET GEWERBE UND GASTRONOMIE

Das Johann-Jacobs-Haus an der Obernstraße 20 wurde bereits im Frühling 2018 abgerissen. Der aufwendige Neubau bildet den ersten Baustein der Entwicklungsmaßnahme. Die klare geometrische Formsprache verleiht der Kubatur des sechsgeschossigen Neubaus einen besonderen Hauch von Modernität, der sich aber mühelos in die historischen Strukturen einfügt, ohne sie zu unterdrücken. Großzügige Fensterflächen schmücken eine verklinkerte Fassade. Eine weitläufige Freitreppe führt Besucher in den „Jacobs Hof“, der durch ein vielfältiges Gastronomieangebot das Quartier beleben soll. In das neue Johann-Jacobs-Haus soll neben Einzelhandels- und Büronutzungen unter anderem auch ein Jacobs-Heritage-Shop einziehen, um dem Erbe der Familie zu gedenken. Der Neubau soll bis 2020 fertiggestellt sein. Ein weiterer Fokus der Entwicklung liegt auf der unmittelbar an das Johann-Jacobs-Haus angrenzenden Stadtwaage, einem prächtigen Backsteinbau im Stil der Weserrenaissance aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Parallel zu den Neubaumaßnahmen in der Obernstraße 20 wird die hintere Fassade der historischen Stadtwaage geöffnet, sodass der Blick vom neuen „Jacobs Hof“ bis in die Langenstraße schweifen kann. Mit derartigen neuen Blickbeziehungen sollen vor allem auch neue Laufwege für Bremer und Touristen zur Langenstraße initiiert und somit eine Belebung der Einkaufsstraße erreicht werden.

DAS REKONSTRUIERTE ESSIGHAUS

Wenige Schritte von der Stadtwaage entfernt liegt das Essighaus. Ein 1618 errichtetes, prächtiges Giebelhaus, das nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg in Teilen wieder aufgebaut wurde. Im Erdgeschoss ist die Fassade nach wie vor gut erhalten. Im Gegensatz zu der modernen Formsprache, die bei der Errichtung des neuen Johann-Jacobs-Hausesgewählt wird, setzen die Projektentwickler bei der Entwicklung des alten Essighauses voll und ganz auf Rekonstruktion historischer Strukturen. Die mittelalterliche Fassade des Gebäudes soll aufwendig nachgebildet werden und alte noch vorhandene Bauteile integriert werden.

DIE VERSCHMELZUNG VON GEWOHNTEM UND NEUEM

Schon lange wird der Wunsch nach bekannten Stadtbildern als soziologischer Trend und Ergebnis grundlegender gesellschaftlicher Verunsicherungen in einer globalisierten, digitalisierten Welt diskutiert. Im Balgequartier ist die Rekonstruktionssehnsucht jedoch verhältnismäßig überschaubar und vor allem auch nachvollziehbar. Hier wird der Weg der Rekonstruktion imZusammenspiel mit modernen Elementen als Teil einer ganzheitlichen Quartiersentwicklung gewählt und ordnet sich nicht dominierend über. Viel mehr dokumentiert die neue, transparente und filigran gestaltete Sandsteinfassade die einstige, 400 Jahre zurückliegende Geschichte des Hauses. Hinter der rekonstruierten mittelalterlichen Fassade, die den Betrachter in die Vergangenheit zurückreisen lässt, wird ein hochmoderner Neubau entstehen, der Raum für Büronutzungen, Einzelhandel und Gastronomie bietet. Die ersten Mieter des sanierten Essighauses sollen Ende 2021 die Flächen beziehen. Die unmittelbare Anbindung zum benachbarten „Jacobs Hof“ verspricht eine lebendige Gastronomielandschaft in innerstädtischer Bestlage. Läuft man die Langenstraße von Essighaus und Stadtwaage weiter in Richtung Marktplatz, so führt es einen linksseitig unweigerlich am Justus-Grosse-Haus und Kontorhaus entlang. Beide Gebäude sind ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung des Balgequartiers. Das Kontorhaus liegt unmittelbar an der Mündung der Langenstraße in den Bremer Marktplatz und bildet damit ein regelrechtes Tor zum Markt. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als größtes Bankhaus Bremens erbaut. Mit seinen wunderschön verzierten Fassaden wertet es das Stadtbild auf und wirkt identitätsstiftend. Das Gebäude wird einem völlig neuen Raumkonzept unterzogen und wird zukünftig den idealen Rahmen für eine urbane Lifestyle- und Shoppingdestination bieten und die Bremer Innenstadt zukünftig auch als Einkaufsstadt stärken. Das Einkaufsparadies im Kontorhaus soll im Sommer 2021 für die Bremer Bürgerinnen und Bürger eröffnet werden.

DIE BREMER INNENSTADT MACHT SICH FIT FÜR DIE ZUKUNFT

Mit der Entwicklung des Balgequartiers begibt sich Dr. Christian Jacobs nicht nur auf eine Zeitreise in die Vergangenheit und nutzt eine historische Chance zum historischen Stadtumbau, er macht die Innenstadt Bremens, in der seine Familie Geschichte schrieb, auch fit für die Zukunft. Durch die neuen Laufwege und städtebaulich hochwertigen Akzente entstehen im Balgequartier ein völlig neues Einkaufserlebnis sowie zuvor nicht dagewesene Aufenthaltsqualitäten, in denen stets ein Hauch Zeitgeschichte zu spüren ist.

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© (3) HPE Hanseatische Projektentwicklung GmbH

3 Kommentare

  1. Axel Spellenberg

    Der historischen Stadt wird durch die großvolumigen, großteils klotzig erscheinenden Neubauten keinerlei Rechnung getragen. Es geht, wie überall, vorrrangig um Kapitalgewinn, nicht behutsame Erneuerung der kleinteilig strukturierten Altstadt. Von „Haus“ kann mit der Rekonstruktion lediglich der Fassade des Essighauses keine Rede mehr sein, allenfalls von Hoch-Haus, das sich dahinter auftürmt. Rekonstruktionen lediglich von Schaufassaden liefern eine Kulissen-Architektur, wie sie hier besonders prägnant erscheint. Man steht vor einer Renaissancetür und tritt nach dem Öffnen in H&M-Läden oder dergleichen ein – einfach lächerlich. Wie weit ist die MODERNE heruntergekommen, dass sie es nötig hat, sich mit Disneyland-Fassaden zu kaschieren? Beispiele Berliner und Braunschweiger Schloss, die nach aussen hin den Schein des Vergangenen wahren, im Innern die Wahrheit des modernen Zeitgeistes ausdrücken. Auf alle Fälle ist der Ist-Zustand des Balgequartiers als Resultat von einfühlsamer Nachkriegsarchitektur bei weitem vorteilhafter als die modernistische Jacob´sche Balge-Hochburg mit Renaissance-Touch. Nur von der falschen Pracht Verblendete jubeln. Investoren haben heute das Sagen und die Herrschaft über unsere Altstädte, die neuen Großgrundbesitzer des 21. Jahrhunderts. Der Bürger ist nur ein Kapitalfaktor und zahlendes Rädchen für sie.

  2. Pingback: JANINA MARAHRENS-HASHAGEN: DIE ZUKUNFT LIEGT AN DER WESER • polis Magazin

  3. Claus Schroll

    Wenn ich dieses neue Essighaus sehe, gruselt´s mich nur noch. Es schüttelt mich angesichts dessen, was hinter dieser Fassade entstehen soll. Da sieht man, wie weit die Russen bereits vor mehr als 200 Jahren waren, es entstanden Potemkinsche Dörfer. Nichts anderes ist das hier. Die Fassade und der moderne Bau dahinter haben nichts, wirklich nichts, miteinander zu tun. Diese Fassade ist nichts weiter als ein „Bestechungsgeld“, um so richtig hoch bauen zu können. Der Investor braucht vor allem eins: Fläche, Fläche, Fläche! Seine Architekten haben überhaupt keinen Bezug zur Renaissance, dazu müssten sie sich erst mal damit beschäftigen, insbesondere mit der Weserrenaissance. Das aber kostet Zeit – und damit Geld. Sie kupfern lediglich ein Bild ab, ohne den historischen Hintergrund zu begreifen. Aber warum sollten sie sie sich damit beschäftigen, wenn´s in Bremen auch anspruchslos geht, wenn weder die Politik noch die Bürger Anforderungen stellen?
    Man hätte, bevor Herr Jacobs die Zusage bekommen hatte, eine breite Debatte in der Bürgergesellschaft über das Aussehen der Langenstraße führen müssen, die auch die beiden hinter dem Essighaus Richtung Stadtwaage stehenden Gebäude und deren Fassadengestaltung mit einbezieht. In Dresden, Frankfurt und Potsdam fanden solche Debatten statt, aber in Bremen………………….

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