IRIS REUTHER: EINE STADT GESTALTET SICH NEU

Prof. Dr. Iris Reuther

Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Stadtentwicklung in den letzten Jahren verändert?

Seit einigen Jahren kann die Stadt Bremen wieder Wachstum verzeichnen. Die Dynamik in der Stadtentwicklung ist auch an der großen Zahl und Dimension der Projekte abzulesen, die in den letzten Jahren realisiert wurden – Tendenz steigend. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt auf einen Strukturwandel in der Stadt zurückzuführen ist. Durch die Schließung von Kellogg in der Überseestadt oder der Tabakproduktion der Martin Brinkmann AG in Woltmershausen sind neue Potenziale für zukunftsweisende Projekt- und Quartiersentwicklungen entstanden.

Hat sich möglicherweise auch das immobilienwirtschaftliche Verständnis dahingehend verändert, dass nicht das Bauen von Kubaturen, sondern viel mehr das Einnehmen einer integrierendenPerspektive zwischen Bestand und Neubau im Vordergrund steht?

Der Fokus liegt ganz klar auf dem Städtebau großer Areale anstatt auf einzelnen Gebäuden oder Projekten. Dies fordert im Umkehrschluss einen besonders komplexen Umgang mit den Projekten. Alleine das Kellogg-Areal weist mit 14 ha als Teil eines Gesamtprojektes südlich des Europahafens eine herausfordernde Größe auf. Von der Größe der Überseestadt ganz zu schweigen. Die Innenstadtentwicklung in Bremen erlebt einen enormen Sprung. Historisch gesehen ist die Altstadt stets der Kern der Stadt gewesen. Durch die Entwicklungen der letzten Jahre sind nun auch die Alte Neustadt, das Stephani-Viertel und die Bahnhofsvorstadt prägende innerstädtische Gebiete. Durch diese Entwicklungen erfährt die Bremer Innenstadt eine neue Dimension, ein neues Gewicht. Dieser größere Radius ist ein wichtiger Schritt für Bremens Stadtentwicklung insgesamt. Dabei wird eine integrierende Perspektive auf die jeweilige Fläche und nicht auf ein bestimmtes Objekt eingenommen.

Bei diesen Entwicklungen handelt es sich auch nicht mehr um einzelne kleine Standorte, sondern um ganze Quartiere. Welche Bedeutung kommt dem Wohnungsbau zu?

Der Wohnungsbau ist seit etwa sieben Jahren ein besonderer Schwerpunkt der Stadtentwicklung. In den vergangenen Jahren haben wir an der Entwicklung großer Quartiere gearbeitet: dem „Ellener Hof“ mit 500 neuen Wohnungen, der Gartenstadt Werdersee mit rund 600 Wohnungen und dem neuen Hulsbergviertel mit ca. 1.200 Wohnungen. Die Vorhaben, die darüber hinaus z. B. auf dem Rennbahnareal und im Vorderen Woltmershausen anstehen, sind aufgrund ihrer Größenordnung noch einmal komplexer.

Die Aktivität im Wohnungsbau ist nicht zuletzt auf die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung zurückzuführen. Ist ein Wachstum in der Form zu erwarten?

Bremen ist aktuell die elftgrößte Stadt in Deutschland und wurde vor einiger Zeit von Leipzig überholt. Das Wachstum von Bremen ist bei weitem nicht mit der Dynamik von Städten wie Hamburg, München und Köln zu vergleichen. Bremen ist eine stabile B-Stadt und aufgrund der großen, noch verfügbaren Areale und ihrer Lage natürlich interessant für die Immobilienwirtschaft. Für die Stadt sind die neuen Quartiere und großen Entwicklungsareale eine historische neue Erfahrung. Wir sprechen ja immer als aktuelle Generation. Generationen vor uns hat man in Bremen in fünf Jahren die Neue Vahr gebaut – mit 10.000 Wohnungen war das in den 1950er Jahren eines der größten Wohnungsbauprojekte Deutschlands.

Die in Bremen aktive Immobilienwirtschaft scheint ein besonderes Gefühl für die Stadt zu haben. Oft sind es in der Stadt verwurzelte Unternehmen, die Projekte vorantreiben. Ist das eine neue Form von Verantwortungsbewusstsein in der eigenen Heimat, die hier entdeckt wird?

Es ist schon lange so, dass lokal verwurzelte Immobilienunternehmen die Stadtentwicklung in Bremen stark prägen und auch mitbestimmen. Insbesondere im Fall der Überseestadt wird dieser Einfluss deutlich. Das Engagement von alteingesessenen Familien und Unternehmen in Form von prominenten Projektentwicklungen, die dabei zu einem ganz persönlichen Anliegen werden, ist bemerkenswert. Durch das Engagement haben diese Unternehmen zudem selbst ein Wachstum erfahren und konnten ihren Erfahrungsschatz weiterentwickeln. Das erleben wir gerade auch in der Innenstadt.

Haben Sie das Gefühl, dass dieses Engagement und das Verständnis für räumliche Qualität, auch abseits der Immobilienwirtschaft zunimmt?

Dieses Engagement nimmt definitiv zu und es für die Zukunft zu kultivieren, erachte ich als meine Aufgabe. Aus diesem Grund veranstalten wir hier in Bremen Formate wie die Ideenmeisterschaft, Wettbewerbe und ein Gestaltungsgremium für Architekten und ihre Bauherren. Am Ende sind es die betroffenen und beteiligten Akteure, die den Erfolg einer städtebaulichen Entwicklung ausmachen. Zunächst bestand eine große Skepsis gegenüber Wettbewerbsverfahren. Zwischen dem Bausenator und der Architektenkammer wurde jedoch verabredet, von klassischen Preisgerichten, in denen der Juryvorsitzende die letzte Stimme hat, abzusehen. Stattdessen verläuft der gesamte Prozess der Wettbewerbe paritätisch. Das Gestaltungsgremium ist ein Beratungsformat. Das sind in Bremen die Grundlagen für Fairness und Vertrauen.

Wie erleben Sie die Diskussion um Höhe und Dichte, die in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen hat?

Tatsächlich ist es interessant, dass bei den städtebaulichen Projekten ein gewisses Maß an Größenordnung, Maßstab und Figur akzeptiert wird. Sobald dieses Maß jedoch überschritten wird, gestaltet sich das als schwierig. Ich erlebe, dass sowohl gegenüber der angestrebten Dichte, aber vor allem auch gegenüber der Gebäudehöhe oft Skepsis besteht. Die Ambitionen der Immobilienwirtschaft sind hier oftmals nicht einfach mit den Vorstellungen der Stadtgesellschaft in Einklang zu bringen. Am Ende geht es der Immobilienwirtschaft natürlich vor allem auch darum, den wirtschaftlichen Erfolg eines Projektes sicherzustellen. Im Grunde genommen ist Bremen die am wenigsten dicht bebaute Großstadt mit über 500.000 Einwohnern in Deutschland, was das Ausbalancieren der verschiedenen städtebaulichen Aspekte und Belange zu einer Herausforderung macht und wodurch jedes Projekt seine eigene Lösung erfordert.

Die Vorstellung von Urbanität unterscheidet sich ja durchaus von Generation zu Generation. Wie gelingt es der Stadt Bremen hier auch die junge Generation abzuholen und langfristige Bindungsmöglichkeiten zu generieren?  

Die Fakultät Architektur, Bau und Umwelt an der Hochschule Bremen bietet einen wichtigen Anknüpfungspunkt für diese Perspektive. Zudem habe ich es mir zu Beginn meiner Tätigkeit als Senatsbaudirektorin der Freien Hansestadt Bremen zur Aufgabe gemacht, die nächste Generation kennenzulernen und dem Präsidenten der Architektenkammer vorgeschlagen, mit allen lokalen Büroinhabern und Architekten unter 40 Jahren ein Gespräch zu führen. Daraufhin entstand eine interessante Diskussion über die Innenstadt und über eine neue Haltung in Architektur und Städtebau. Diese Stimmen und Positionen gewinnen langsam an Gewicht und genau diese Büros reüssieren in Wettbewerben, die wir hier in Bremen durchführen.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf das Thema Flächenentwicklung eingehen. Sehen Sie sich hier auch mit der Notwendigkeit konfrontiert die unterschiedlichen Nutzungen, wie Gewerbe und Wohnen, gegeneinander abzugleichen?

Da in einigen der großen Entwicklungsareale, wie beispielsweise der Überseestand, Gewerbe und Dienstleistungen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen, bestand diese Notwendigkeit des Abgleichens zwangsläufig. In der Überseestadt konnte Wohnraum nur geschaffen werden, weil gemeinsam mit den angrenzenden Industriebetrieben, den Eigentümern und Flächenentwicklern ein Weg erarbeitet wurde, der von gegenseitig akzeptierten Regeln lebt.

Die Entwicklung von Wohnungen ist seit einigen Jahren attraktiver als die Entwicklung von Gewerbenutzungen und folgt dabei auch einer ganz anderen Logik. Wir müssen sehr darauf achtgeben, dass das Thema Gewerbe in Bremen weiterhin präsent bleibt. Dabei ist die Frage, wie nah sich die verschiedenen Nutzungen in Zukunft kommen, natürlich ein wichtiger Punkt. Ein weiteres Thema ist die Nutzungsmischung, die eine regelrechte Königsdisziplin in der Stadtentwicklung darstellt. Interessanterweise ist das Generieren einer adäquaten Nutzungsmischung einfacher geworden, da sich durch die Größenordnung der Standorte insgesamt eine Binnennachfrage abzeichnet. Ein Projekt wie der Kopf des Europahafens, das von der Bremer Unternehmensgruppe Zech Group verantwortet wird, bietet die Chance, dass sich zukünftig veränderte Nutzungsmischungen am Standort etablieren. Ich glaube nicht, dass dies vor fünf Jahren so einfach gewesen wäre.

Eine vorschnelle Priorisierung auf Parkplätze und Einzelhandel ist nicht zwangsläufig der Schlüssel für zukunftsfähige Stadtentwicklung?  

Das glauben immer noch nicht alle. Dass es Handel und Wandel geben muss, steht außer Frage. Aber, was bedeutet das konkret? Auch im Bereich der Mobilität müssen wir uns zukünftig mit Fragen der Durchmischung auseinandersetzen. Sobald privat genutzte PKWs nicht mehr die einzigen Schwerpunkte sind, erfordert Mobilität eine neue Zentralität und auch Diversität in den Angeboten. Hier gilt es, nach- und weiterzusteuern. Insbesondere für die Einzelhändler ist dieser Schritt extrem wichtig, da sie auf die Erreichbarkeit der Innenstadt angewiesen sind.

Die weitere Durchmischung der Innenstadt wird unausweichlich sein …

Das wird passieren. Doch bringen die großen innerstädtischen Wohnprojekte wie etwa das gelungene und in der Stadtgesellschaft akzeptierte Stephaniviertel, aber auch die Entwicklungen auf dem Bundesbankareal zugleich enorme städtebauliche Herausforderungen mit sich, von denen die Stellplatzfrage nur ein kleiner Teil ist. Da geht es um Nachbarschaften und die Akzeptanz von Bautypologien. Die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnen in Bremen ist groß und ein wichtiger Teil der Innenstadtentwicklung. Aber jeder Standort erfordert eigene Antworten.

Von wem würden Sie neben der institutionellen Ebene Impulse in der Stadtentwicklung erwarten?

Ich sehe uns hier schon als wichtigsten Akteur und bin davon überzeugt, dass eine Stadt auch konzeptionell arbeiten muss. Eine Stadt muss sich selbst als Gestalterin und Betreuerin der urbanen Veränderungsprozesse verstehen. Aus diesem Grund haben wir begonnen, für große städtebauliche Entwicklungsprojekte wie in Woltmershausen eigene Studien und Workshops mit allen Beteiligten durchzuführen.

Wie viel kann Bürgerbeteiligung denn leisten?

Bürgerbeteiligung kann viel leisten. Das setzt aber voraus, dass die Rahmenbedingung und Strukturen von uns vorgedacht werden und partikulare Perspektiven auf Standorte und Themen mit dem Gemeinwohl vereinbar sein können. Und da das Entwickeln eines Stadtteils, eines Quartiers oder hochkarätiger Architektur nicht im Rahmen einer Einwohnerversammlung gelingen kann, braucht es in solchen Formaten immer auch Repräsentanten wie Ortsamtsleiter, Beiräte oder Architekten, die in der Lage sind, die Komplexität von Planungsvorhaben zu vermitteln.

Ist Stadtentwicklung eine Vermittlungsarbeit?

Definitiv. Aber das Vertrauen in das, was wir machen und verantworten, wird uns nur dann entgegengebracht, wenn wir auch darum werben. Je weniger abstrakt wir Stadtentwicklungsprozesse gestalten, desto tragfähiger kann eine Vertrauensbasis sein. Und umso einfacher ist es, Rahmenbedingungen, Spielräume und Ziele zu benennen. Das Miteinander und gegenseitiger Respekt sind elementare Voraussetzungen für das Gelingen von Stadtentwicklung. In einem Stadtstaat wie Bremen sind die einzelnen Ressorts gleichberechtigt. Auch wenn die politischen Farben unterschiedlich sind, muss um Vertrauen geworben und kooperiert werden.

Blicken wir in die Zukunft. Was wünschen Sie sich persönlich für die Stadt?

Bremen muss sich viel mehr selber mögen, schön finden und dabei als Stadt die eigene Gelassenheit beibehalten. Ich wünsche mir außerdem, dass Bremen als „Stadt am Fluss“ noch viel präsenter wird.

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Prof. Dr. Iris Reuther

war nach dem Architekturstudium und einer Promotion in Weimar als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bauakademie in Berlin tätig. Zwischen 1991 und 2013 arbeitete sie als freie Architektin mit ihrem Büro für urbane Projekte in Leipzig und hatte ab 2004 die Professur für Stadt- und Regionalplanung an der Universität Kassel inne. Seit 2013 ist sie Senatsbaudirektorin der Freien Hansestadt Bremen beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr und leitet dort den Fachbereich Bau und Stadtentwicklung. Frau Reuther ist Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung sowie außerordentliches Mitglied des BDA.

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© (3) Frank Posch

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