MATTHIAS RAUCH: KULTUR DER IDEEN

Anna Blaich, Matthias Rauch und Hendrik Meier bilden das Team Kulturelle Stadtentwicklung © CAPADOL

Sie sind Leiter und Pionier des noch relativ jungen Bereichs „Kulturelle Stadtentwicklung“ von STARTUP MANNHEIM. „Kultur“ ist per se ein sehr weit gefächerter Begriff. Was impliziert er in Bezug auf Mannheim bzw. auf Ihre Arbeit?

Als STARTUP MANNHEIM legen wir einen sehr breit gefächerten Kulturbegriff zugrunde. Er schließt sowohl den klassischen Kulturbegriff mit ein – im Sinne der Hochkultur, Pop-Kultur und Sub-Kultur als auch Kultur im Sinne von Nachtleben, Gastronomie und Kulinarik sowie sozialem Miteinander. Die Summe dieser Teile sind alles Aspekte, die wir im Bereich „Kulturelle Stadtentwicklung“ versuchen voranzutreiben. Wir sehen unsere Aufgabe darin, eine Stadtentwicklung zu etablieren, die sowohl kultur- als auch kreativwirtschaftlich getrieben ist. In diesem Prozess sind wir in zwei Bereichen aktiv: einmal in der interdisziplinären Schnittstelle zwischen Kunst und Kultur bzw. Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft und in sogenannten „Placemaking-Projekten“. Bei letztgenannten gehen wir mittels künstlerischer Interventionen in den öffentlichen Raum, bespielen ihn und versuchen auf diese Weise, das bestehende kollektive Gedächtnis der Menschen zu diesen Orten auf Basis neuer Erfahrungen zu verändern und Potenziale der Räume aufzuzeigen und Impulse zu setzen.

Bedeutet das, dass es in Mannheim – im Vergleich zu anderen Kommunen – bereits relativ gut gelingt, kulturelle und wirtschaftliche Interessen miteinander zu verbinden?

Mannheim ist dahingehend in der Tat schon relativ weit. Die Stadt hat wenig Berührungsängste. Das wird schon allein an der Tatsache sichtbar, dass Mannheim als eine der ersten Kommunen die Bereiche „Kultur“ und „Wirtschaft“ gemeinsam in einem Dezernat untergebracht hat. Natürlich basierte dieser Entschluss auch auf den strategischen Überlegungen, das Ineinandergreifen und die Synergie zwischen Kultur und Wirtschaft zu fördern und auszubauen. Mir wird oft die Frage gestellt, warum die ‚Kulturelle Stadtentwicklung‘ bei einer städtischen Tochter untergebracht ist, denn die primäre Aufgabe von STARTUP MANNHEIM ist es ja eigentlich, ein dynamisches Start-up-Ökosystem zu fördern. Grund hierfür ist, dass Kultur für uns ein ganz essenzieller Bestandteil für unser Start-up Ökosystem ist. Eines unserer Hauptanliegen ist es, dass sich Kultur und andere Branchen auf Augenhöhe begegnen – sei es mit Wirtschaft, Technologie oder mit anderen Partnern aus der Wissenschaft. Dieses Ziel verfolgen wir mit einer großen Selbstverständlichkeit. Aus unserer Perspektive müssen sich Wirtschaft und Kultur weder ausschließen noch kannibalisieren. In der Kultur gibt es immer Bereiche, die nicht nach wirtschaftlichen Kriterien funktionieren – das ist gut so und soll auch so bleiben. Nichtsdestotrotz existieren zahlreiche spannende Schnittmengen aufseiten der Kultur zur Kreativwirtschaft und zu anderen Branchen und Sektoren, die wir künftig gerne noch intensiver ausloten wollen.

Welche Akteure sind an diesem Prozess maßgeblich beteiligt – und welche Vorteile haben sich aus dieser offensichtlich guten Zusammenarbeit bereits ergeben?

Mannheim hat bereits vergleichsweise früh die Effekte von kultur- und kreativwirtschaftlichen Prozessen auf den Bereich der Stadtentwicklung begriffen und fördert diese bereits seit rund 17 Jahren. Uns ist es gelungen, in Mannheim eine einzigartige kreativwirtschaftliche Förderkulisse aufzubauen – mit besonderem Fokus auf die Musikwirtschaft. Mittlerweile existieren viele Hubs bzw. Existenzgründungszentren mit kreativwirtschaftlichem Fokus: der Musikpark, das Alte Volksbad, die Textilerei, das C-HUB oder das gig7 und unser Kompetenzzentrum FeMale Business. All diese Zentren bilden sozusagen unsere Hardware: Hier können wir Räume und Beratung für Gründer/innen unter anderem aus der Kultur- und Kreativwirtschaft anbieten. Darüber hinaus betreibt STARTUP MANNHEIM noch zwei weitere Zentren: das Mafinex-Technologiezentrum sowie das Cubex41 – Kompetenzzentrum Medizintechnologie. Ein weiteres Zentrum, ein Business Development Center namens Cubex One, ebenfalls im Bereich Medizintechnologie ist aktuell im Bau befindlich. Insgesamt haben wir aktuell ca. 35.000 m2 an Fläche, die wir Gründerinnen und Gründern zur Verfügung stellen können.

Und wie kann ich mir den Prozess vorstellen, wenn ich als junge Gründerin mit einer guten Idee nach Mannheim komme. Was wären die nächsten Schritte für mich?

Sofern Sie sich direkt bei uns, also der „Kulturelle Stadtentwicklung“ melden, würden wir Sie direkt an unsere Kolleginnen aus der entsprechenden Branche weiterleiten. Wir haben zielgruppenspezifische Bereiche: Die Kreativ- und Kulturwirtschaft, die Musikwirtschaft, den Bereich Tech- und Start-up-Förderung und den besonderen Fokus Internationalisierung und die Ansiedlung internationaler Start-ups und Unternehmen. In diesen Bereichen haben wir die Möglichkeit, alle Gründerinnen und Gründer zielgruppenspezifisch zu beraten sowie Räume fürs Arbeiten anzubieten. Daneben arbeiten wir eng mit dem Kulturamt bzw. der Wirtschaftsförderung zusammen und können hier ebenfalls die notwendigen Kontakte herstellen, die ihrerseits noch einmal individuelle Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten anbieten. Die Wege hier in Mannheim sind nicht nur geografisch, sondern auch im übertragenen Sinne sehr kurz.

Der Zuzug junger Menschen ist gleichbedeutend mit dem Gewinn an Innovationskraft. Inwiefern profitiert Mannheims Stadtbild von dieser Entwicklung?

Die positiven Effekte werden an der Veränderung des Jungbuschs am deutlichsten. In den vergangenen zehn Jahren hat sich dieses sehr strukturschwache, ehemalige Hafenviertel zu Mannheims Ausgeh- bzw. Nachtökonomie-Viertel entwickelt. Ursächlich für diese durchweg positive Entwicklung war wiederum die Ansiedlung der Kreativ- und Kulturwirtschaft: Neben dem Musikpark ist hier auch das C-Hub und die international bekannte Popakademie Baden-Württemberg verortet. Seither sind deutlich diversere Quartierzusammensetzungen entstanden: Es gibt Leute, die schon Jahrzehnte hier wohnen sowie viele Studierende und Kreative, die hier arbeiten und hierhergezogen sind. Auch ist der Jungbusch nach wie vor „Arrival City“ insbesondere für Menschen aus Osteuropa. Meines Erachtens ist der Jungbusch eines der vielfältigsten und spannendsten Quartiere Mannheims.

Ist der Jungbusch denn ein primär „junges Quartier“ oder spricht es auch Ur-Mannheimer an und strahlt über seine Grenzen hinaus?

Natürlich besteht die Gefahr, solche Entwicklungen zu sehr aus der eigenen Innenperspektive heraus zu betrachten. Glücklicherweise berichten jedoch auch Kolleginnen von außerhalb, dass im Zuge der Entwicklung des Jungbuschs nicht nur das Quartier, sondern die gesamte Stadt anders wahrgenommen wird. Historisch gesehen ist Mannheim eine Industriestadt und es gibt nach wie vor eine sehr starke Industriekultur und -wirtschaft mit starken, globalen Playern, die hier entweder ihre Hauptsitze oder ihre europäischen Zentralen haben. Dennoch beeinflusst die Start-up-Kultur die gesamte Stadt und wirkt sich auch positiv auf ihre Dynamik aus. Das wird nicht nur innerhalb der Stadt sichtbar, wie z. B. an den vielen attraktiven Ausgehmöglichkeiten, die hier mittlerweile aus dem Boden geschossen sind, sondern auch an der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Corporates. Diese sehr gut funktionierende Zusammenarbeit unterstützen wir bereits seit vielen Jahren, sodass sie bereits alle Generationen und Gesellschaftsschichten durchdringt. Insofern sprechen wir also nicht nur über ein Phänomen für junge Menschen, sondern von einer Entwicklung, die alle Mannheimer Alters- und Gesellschaftsschichten mitnimmt.

Von solch einer Entwicklung können viele andere Kommunen bisher nur träumen. Was macht Mannheim besser als andere Kommunen oder provokativ gesprochen – was läuft hier besser als in Berlin?

Der direkte Vergleich mit Berlin ist nicht wirklich produktiv. Berlin ist eine klassische ‚first‘ und Mannheim eine klassische ‚second city‘. Das heißt, in Berlin herrschen ganz andere Dynamiken und auch ganz andere Wirkungsmechanismen als in Mannheim. Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus Berlin spreche, merke ich immer wieder, dass dort ganz anders gearbeitet werden muss, weil die Effekte dort aufgrund der Größe gar nicht so direkt ersichtlich sind. Man nimmt sie zwar in einzelnen Kiezen wahr, aber gesamtstädtische Effekte zu erzielen, ist in Berlin deutlich schwieriger als in einer Stadt wie Mannheim mit ca. 320.000 Einwohnern. Und genau hierin liegt unsere große Chance: In ‚second cities‘ werden die Auswirkungen der eigenen Arbeit relativ schnell sichtbar. Die ‚governance‘ beschränkt sich nicht auf bestimmte Stadtteile, sondern ist in der gesamten Stadt spürbar. Und auch wenn die kulturelle Dynamik in Berlin sehr imposant ist, stehen unsere Förderkulisse für die Kreativ- und Kulturwirtschaft und unsere Existenzgründer den Berlinern in nichts nach.

Abgesehen davon ist Mannheim seit 2014 Mitglied des UNESCO-Programms „Creative Cities“ – einem Netzwerk, das weltweit Städte verbindet, die Erfahrungen, Strategien, Ideen und modellhafte Praxis im Bereich zeitgenössischer Kunst und Kultur, einschließlich der Kulturwirtschaft, austauschen wollen. Mannheim nimmt in diesem Netzwerk den Platz als „Stadt der Musik“ ein. Welche Vorteile und „Lerneffekte“ haben sich bis dato aus dem Netzwerk ergeben?

Zum einen ist es unheimlich produktiv, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Ländern und verschiedenen städtischen Kontexten auszutauschen: Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Welche Lösungsansätze verfolgen sie und welche Dinge können wir u. U. für unsere eigene Arbeit adaptieren? Dieser Austausch auf Expertenebene ist für uns spannend und hilfreich zugleich. Daneben können auch wir als Mannheimer viel in die internationale Community zurückgeben. Auf einer zweiten Ebene nutzen wir dieses internationale Netzwerk, um Kontakte für Mannheim bzw. für Mannheimer Akteure zu generieren. Das versuchen wir auf ganz unterschiedlichen Levels, wie z. B. über bilaterale Anfragen oder mittels gemeinschaftlicher Projekte, wie über gegenseitige Künstler-Austausche und Festival-Kooperationen. Das sind sehr hilfreiche Tools, um Mannheimer Künstler zu vernetzen. Auf dritter Ebene ist der Titel natürlich auch ein schönes Tool für das Stadtmarketing, das den Titel „City of Music“ nach außen tragen kann. Abgesehen davon empfinde ich persönlich jedoch vor allem die Wirkung nach innen als sehr wichtig: Für uns ist es die Bestärkung unserer eigenen Arbeit, die die Bedingungen für Musikwirtschaftende innerhalb der Stadt verbessern und stärken möchte. Diese drei Dimensionen stehen für mich im Vordergrund bei der Mitgliedschaft im „Creative Cities“-Netzwerk.

Lassen Sie uns von hier aus einen kleinen Exkurs Richtung „Digitalisierung“ machen: Das Thema führt in vielen Branchen zu massiven Umstrukturierungsprozessen. Inwiefern beeinflusst sie auch den Bereich der ‚Kulturellen Stadtentwicklung‘? Ist sie hier eher Taktgeber oder ein hilfreiches Instrument?

Obgleich die Musikwirtschaft relativ hart von der Digitalisierung getroffen wurde, sind hier mittlerweile alle Teilbereiche digital: von der Produktion über den Vertrieb bis hin zur Vermarktung. Ich denke, dass man im Umgang mit Digitalisierung sehr viel von der Kreativwirtschaft lernen kann. Digitalisierung ist kein technisches Phänomen, sondern ein Prozess, der gestaltet werden will. Die Kultur- und Kreativwirtschaft bietet anderen Branchen eine Vielzahl an Beispielen, wie nützlich Digitalisierung sein kann – wie z. B. in Form neuer Arbeitswelten. Das Thema ist mittlerweile in aller Munde. In der Kreativwirtschaft hat es sich bereits vor vielen Jahren etabliert. Das veranlasst auch uns als ‚Kulturelle Stadtentwicklung‘ wieder dazu aufzurufen, die eigene Komfort-Zone zu verlassen: Informiert euch, wie andere Branchen bestimmte Probleme angehen, nehmt hieraus Aspekte für die eigene Arbeit mit oder initiiert Kooperationen! Denn Ausgangsfrage sollte immer sein: Wie können wir Digitalisierung bestmöglich im Sinne des Gemeinwohls nutzen?

Problemen und Herausforderungen werden in Mannheim offenbar mit viel Offenheit und Pragmatismus begegnet. Denken Sie, Mannheim ist vielleicht gerade aufgrund dieser kurzen kommunikativen Wege so attraktiv für junge Unternehmen und Gründer/innen, die sich nicht in Bürokratie verirren, sondern „machen“ wollen?

Das ist gut möglich. Auch wir verfolgen eine Open-Door-Policy: Sofern wir keine Termine haben, sind wir auf allen Kanälen ansprechbar – und zwar nicht nur via Social Media, E-Mail oder Telefon, sondern auch live. Unsere Bürotüren stehen immer offen. Zu unserem Leitprinzip gilt, dass wir uns den Menschen annehmen und versuchen, möglichst direkt Hilfestellung zu leisten, indem wir auf ganz niederschwellige Art und Weise Kontakt zu den entsprechenden Akteuren und Stakeholdern herstellen.

Als Sie vor gut 20 Jahren von Karlsruhe nach Mannheim wechselten, konnten einige Ihren Schritt nicht verstehen. Mit welcher Motivation sind Sie hierhergekommen und was haben Sie bisher aus den vergangenen Jahren für sich mitgenommen?

Als ich vor ungefähr 20 Jahren zum Studieren nach Mannheim kam, habe ich wirklich einige Beileidsbekundungen erhalten. Das sieht heute ganz anders aus. Die Stadt besitzt mittlerweile nicht nur eine ganz andere Dynamik, sondern wird auch ganz anders wahrgenommen. Wie Sie bereits sagten: Mannheim ist eine unglaublich offene und multikulturelle Stadt. Das ist bei einer Zusammensetzung aus rund 170 Nationen nicht verwunderlich. Vielleicht ist das Multikulturelle sogar so etwas wie der genetische Code der Stadt – immerhin wurde hier auch nicht von Anfang an Deutsch gesprochen, sondern Flämisch und Französisch. Diese Offenheit und Flexibilität spiegelt sich auch in der Herangehensweise an Probleme und Aufgaben. Mannheim ist geprägt von „Macher-Kultur“: Wir probieren aus, adaptieren die Dinge, die gut funktionieren und überdenken solche Wege, die sich nicht bewährt haben – und das alles pragmatisch und lösungsorientiert. Insofern unterscheiden wir uns von der typisch deutschen Mentalität, immer einem strikten Plan folgen zu wollen. Diese offene und flexible Haltung bietet hervorragende Bedingungen für ein Start-up-Ökosystem und andere Unternehmensgründungen. In den vergangenen Jahren habe ich das auch persönlich sehr wertschätzen gelernt und bin gespannt, was in Zukunft hier noch alles passieren wird.

Vielen Dank für diesen interessanten Einblick.


Dr. Matthias Rauch

studierte Amerikanistik, Betriebswirtschaftslehre und Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim. Anschließend promovierte er in Mannheim, New York und Toronto. Es folgten verschiedene Lehraufträge in Baden-Württemberg. Rauch ist seit über 17 Jahren als freier Autor für Print- und Online-Medien tätig. Von März 2013 – Oktober 2014 war er zunächst als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Clustermanagement Musikwirtschaft Mannheim & Region tätig. Anschließend übernahm er bis 2016 die Leitung des Clustermanagement Musikwirtschaft. Seit Januar 2017 ist er Leiter der Kulturellen Stadtentwicklung Mannheim. Er initiierte und konzeptionalisierte die erste Nachtbürgermeister-Position Deutschlands für die Stadt Mannheim.

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