ESSEN: DAS EICKHAUS SCHREIBT NEUE GESCHICHTE IN DER INNENSTADT

© Brüning Rein

Der Willy-Brandt-Platz ist das repräsentative Tor zur Innenstadt Essens; direkt gegenüber des Hauptbahnhofs empfängt er die Besucher:innen. An seiner Stirnseite befindet sich das Eickhaus, das an dieser exponierten Stelle eigentlich die Gelegenheit hätte, Erwartungen zu schüren und Vorfreude wachsen zu lassen. Der Bestandsbau schafft das allerdings nur bedingt. Bei seiner Fertigstellung 1915 hatte er ein Dach in Form einer Pagode und war mit Kupferblechen gedeckt – eine so außergewöhnliche wie eindrucksvolle Erscheinung. Nachdem das Haus im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war, wurde das prominente Dach nicht rekonstruiert. Stattdessen erhielt das Eickhaus ein dem damaligen Zeitgeist entsprechendes Flugdach, das zwar Potenzial zur Eleganz aufweist, dem Eickhaus in seiner Kubatur aber kein entsprechendes Gegengewicht zu geben vermag und den Platz insgesamt recht kraftlos nach oben abschließt.

© Brüning Rein

Diese verpasste Chance des ersten Eindrucks soll nun mit der Neugestaltung des Gebäudes wieder genutzt werden. Anfang 2021 lobte die DWI Gruppe Hamburg als Eigentümerin gemeinam mit der Stadt Essen einen geladenen Architekturwettbewerb aus, den das in Essen ansässige Architekturbüro Brüning Rein für sich entscheiden konnte. Der Entwurf sieht eine Erweiterung des historischen Bestands um eine Aufstockung in Form einer souveränen zeitgenössischen Geste vor und wirkt auf diese Weise wie ein Ausrufezeichen: Hier beginnt Essens Weg in eine neue Zeit.

© Fotoarchiv Ruhr Museum

Die historischen Fassaden des Gebäudes werden vom Sockel bis zur Traufe in Materialität und Detaillierung denkmalgerecht restauriert und auf den Ursprungszustand von 1915 zurückgeführt. Der Baukörper erhält dann eine Aufstockung aus Glas und Metall, die sich in der Höhe am ursprünglichen Pagodendach orientiert. Entstehen wird aber kein homogener „Glaskasten“, sondern eine Dachlandschaft aus mehreren Kuben, deren gestaffelte Terrassen eine üppige Begrünung erhalten und attraktive Aufenthaltsflächen für die Büros bieten. Von der großen begrünten Terrasse im obersten Geschoss geht der Blick über den Willy-Brandt- Platz und den Hauptbahnhof nach Süden in die Huyssenallee bis zum Stadtgarten mit dem Aalto-Theater und der Philharmonie. An einigen Stellen werden netzartige Rankhilfen vor den Fassaden installiert, die eine zusätzliche grüne Haut aus Pflanzen entstehen lassen. Die Pflanzungen beeinflussen das Mikroklima am Gebäude; sie schaffen Kühlung durch Schatten und Verdunstung und haben einen positiven Einfluss auf die Luftqualität. Solche Effekte wirken sich auch bis in den Stadtraum aus, der also nicht nur optisch vom neuen Stadtgrün profitiert.

Nördlich anschließend ersetzt ein Neubau den aktuellen Bestand und setzt die historischen Natursteinfassaden fort, ohne auf eine eigene Formensprache zu verzichten. Von der gläsernen Aufstockung übergriffen, wird der Bau so zu einer selbstverständlichen Ergänzung in die Kettwiger Straße und ist doch als eigenes Element im Ensemble ablesbar.

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