ÜBER DAS HÖREN IN DER ARCHITEKTUR

Das Atelier Korinsky aus Berlin ermöglicht mit seinen Installationen einen neuen Zugang zu außergewöhnlichen Architekturen und öffnet dadurch ungeahnte Wahrnehmungsräume. Die Inszenierungen konfrontieren die Besucher mit ihren individuellen Empfindungen und lösen sich weitgehend von der rationalen Funktion der Gebäude.

Berlin Mitte im Sommer 2017: Auch mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und dem Bauboom der 90er Jahren ragen in der historischen Mitte Berlins überall Baukräne in den Himmel. Hektik und Maschinenlärm bilden einen starken Kontrast zum historischen bzw. historisierenden Zentrum. Zwischen dem neuen Berliner Schloss und der Friedrichswerderschen Kirche von Karl Friedrich Schinkel, die hinter einer weiteren Baustelle verschwindet, steht eine dritte Variante einer historischen Idee – Schinkels Bauakademie. Neben dem rekonstruierten Schloss und der restaurierten Friedrichswerderschen Kirche ist sie jedoch nur eine Attrappe aus einem Baugerüst mit vorgehängten Fassadenfolien. Da der Bund jüngst die Gelder für die Rekonstruktion freigegeben hat, dürften die Tages dieses außergewöhnlichen Ortes gezählt sein. Genau dieses Zwischenstadium zwischen einem „Nicht mehr“ und „Noch nicht“ nahm das Atelier Korinsky zum Anlass, um sich in einer weiteren Ausgabe ihrer Installationsreihe Volum mit dem Verhältnis von Klang und Architektur zu beschäftigen.

Die drei Brüder haben es sich zur Aufgabe gemacht, innerhalb der Wahrnehmung von Architektur Sehen und Hören miteinander zu verbinden. Dafür befragen sie den Raum nicht nur unter akustischen und visuellen Gesichtspunkten sondern untersuchen auch seine historische und soziale Dimension oder das Verhältnis zu seiner Umgebung. Die Ergebnisse dieses Prozesses sind so unterschiedlich, wie die Orte an denen die Brüder bisher gearbeitet haben: Manchmal führen sie zu freien Assoziationen, die die eigene Wahrnehmung sowie die Atmosphäre verstärken. In anderen Situationen ergibt sich während der Arbeit ein neuer Kontrast zwischen sichtbarem und hörbarem Raum. Grundsätzlich entwickeln wir bei der visuellen Wahrnehmung eines Raums eine Vorstellung, wie der Raum klingen könnte, z.B. anhand der Baumaterialien. Sobald die Korinskys ihre für diesen Zweck entwickelte Klangsoftware VSL einsetzen, stimmen unsere visuellen Wahrnehmungen nicht mehr mit unseren akustischen Erwartungen überein: Dort, wo wir beispielsweise eine Raumdecke sehen, vermitteln uns die wahrgenommenen Klänge, dass wir uns in einem Raum mit höheren Decken befinden. Augen und Ohren finden keinen Konsens mehr, das Raumempfinden wird völlig irritiert.

Diese Irritation der Sinne ist vor allem auf den Eingriff in die Wahrnehmungsmuster von Räumen, zurückzuführen, die wir durch unsere Sozialisation erworben haben. Im künstlerischen Prozess entstehen auf diesem Weise imaginäre Räume, die individuelle Assoziationen und Phantasien erzeugen. Eindrucksvoll führten die Künstler dies in der leeren Halle eines ehemaligen Kraftwerks vor, dem sie seine ursprünglichen Klänge zurückgaben und deren Hülle akustisch sprengten. Bei den Überlegungen, wie die Installationen klingen sollen, gehen die Korinskys assoziativ vor: Sie halten sich in den Räumen auf, untersuchen ihre Atmosphären und überprüfen ihre persönlichen Empfindungen. Während dieses Prozesses binden sie alle Sinne mit ein. Auf physikalische Messungen, auf die klangkünstlerische Arbeiten häufig basieren, verzichten sie in diesem Stadium. „Das lenkt uns ab und schränkt das Vertrauen auf unsere eigenen Beobachtungen ein. Messungen verleiten schnell zu einer vermeintlichen Objektivität, die Kunst sowieso nicht erreichen kann“, so Max Korinsky. Akustische Berechnungen nutzen sie erst, wenn es um eine präzise Umsetzung geht und die künstlerische Idee bereits entwickelt ist.

In ihrer jüngsten Installation Volum IV in der Berliner Bauakademie schufen sie vor dem Hintergrund der eigentlich nicht-vorhandenen Architektur einen imaginären Raum, der die Grenzen zwischen realem, gebauten und künstlerisch entwickeltem Wahrnehmungsraum verwischt: Über eine Bautreppe betreten die Besucher einen unerwarteten Gewölbesaal aus rohem Klinker. Der Schinkelsaal ist in seinen räumlichen Proportionen eine Rekonstruktion aus der alten Bauakademie. Anders als das historische Vorbild schauen seine großen Fenster jedoch nicht auf die Straße sondern in das Baugerüst, das die Fassade trägt. An ihm ranken Pflanzen hinauf und Nebel wabert durch die spärlich beleuchtete Szenerie. Ein leises metallisches Klappern dringt durch die offenen Fenster, eine Stimme ist tief im Nebel zu hören und plötzlich rauschen die Blätter, um kurz darauf wieder zu verstummen. Obwohl es draußen im Urwald nicht besonders hell ist, fallen scharfe Schatten in den Schinkelsaal und bilden eigene Formen auf dem rauen Holzboden. Die Besucher bewegen sich langsam durch den Raum, lauschen den Klängen und versuchen, die unwirkliche Inszenierung sinnlich zu begreifen.

Aus dem künstlerischen Blickwinkel der drei Brüder Korinsky ist die Situation der Bauakademie außergewöhnlich. Volum I fand 2014 in der gigantischen Innenkuppel des Berliner Doms statt. Im Gegensatz dazu irritiert die Bauakademie, weil ihr Zustand sich jeder Eindeutigkeit entzieht. Die ramponierte Platzhalterfassade verdeckt den Blick auf das wilde Innere, der Saal gibt ihn jedoch wieder frei. Was ist hier eigentlich Architektur und was nur eine Illusion? In der Berliner Mitte ist der Gerüst-Urwald sicherlich ein Unikum. Die wenigen Brachflächen können nur so lange existieren, wie sie nicht bebaut werden. Hier ist die Brache noch möglich, weil eine Pseudoarchitektur den Innenraum des Baukörpers schützt. Die Abwesenheit einer Architektur nach klassischen Verständnis ist deshalb die Grundlange der Installation, deren Klänge die Uneindeutigkeit unterstreichen. Die HTWG Konstanz begleitet mit dem Lehrstuhl von Prof. Katrin Günther die Reihe und ermöglicht den Künstlern einen engen Austausch mit angehenden Architekten, für die das Thema Klang in der Architektur oft weniger zentral ist. Viel zu leicht vergessen wir, wie sehr Geräusche unsere Wahrnehmung und damit auch unsere Bewertung von Räumen und Orten beeinflussen. Dies geschieht häufig unbewusst, weil wir dem Sehen mehr Bedeutung einräumen.

Durch ihren ungewöhnlichen künstlerischen Ansatz schaffen es die Korinsky Brüder, bestehenden architektonische Räumen um akustische Räume zu ergänzen, die deren sicht- und hörbare Dimensionen aufzulösen scheinen. Diese neuen atmosphärischen Räume nimmt jeder Besucher anders wahr: Ihre Assoziationen sind individuell und knüpfen an eigene Erfahrungen an. Mit ihren Arbeiten möchten die Brüder keinen funktionalen Ansatz verfolgen, wie man ihn z.B. in der Architektur oder auch in der Kunst am Bau finden kann sondern eine künstlerischen Idee, die die sinnliche Wahrnehmung in den Mittelpunkt stellt. Durch ihre Vorliebe für starke Hell-/Dunkel-Kontraste und irritierende Geräuschkulissen entziehen sich die Korinskys ganz bewusst der Beschallung öffentlicher Gebäude, wie z.B. von Einkaufszentren. Stattdessen entführen sie ihre Besucher an ungewöhnliche Orte und eröffnen ihnen darüber hinaus neue Wahrnehmungswege in neue Dimensionen.

Bilder im Slider © Cafuna; © Jordan Katz


Atelier Korinsky

Hinter dem Atelier Korinsky stehen die drei Brüder Abel, Carlo und Max Korinsky. Die drei Künstler arbeiten seit 2011 in Berlin zusammen und ihre Projekte waren weltweit wie z. B. in Melbourne, Seoul, Teheran, Berlin oder Vancouver zu sehen. Für ihre Arbeit wurden sie u.a. mit dem Mercedes-Benz-Kunst-Award, dem Trieste Contemporanea Award und dem EMARE-Stipendium ausgezeichnet.
Alle Informationen zu den Korinskys findet man unter:

www.korinsky.com

Carlo, Abel und Max Korinsky (v.l.), 2017 © Jordan Katz

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