NATURDORF IN DÄNEMARK BRINGT WALD UND WOHNEN IN EINKLANG

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Naturbyen. Das ist nicht nur der dänische Begriff für „Naturdorf“, sondern auch der Titel eines neuen Projekts des urbanen Architekturbüros EFFEKT, bei dem der Name Programm ist: Das Herz des Vorhabens ist ein Wald, der natürliche mit menschlichen Lebensräumen verbindet und einen fließenden Übergang zwischen Urbanität und Natur schafft. Stattfinden soll das ganze im dänischen Ort Middelfart. Die Gemeinde hat diese Siedlungserweiterung als eine Art Reallabor für eine klimafreundliche Wohnbauentwicklung in vorstädtischen Gebieten geplant.

Sie will damit außerdem einen Beitrag zum Ziel des National Forest Program leisten, bis 2100 20 % der gesamten Landmasse Dänemarks mit Waldflächen zu bedecken – heute sind es 14 %. Der dänische Klimaplan sieht vor, die Biodiversität des Landes durch die Schaffung von mehr Waldgebieten zu erhöhen. Die Gemeinde Middelfart unterstützt dieses Ziel und liefert mit Naturbyen eine direkte Lösung. Das Projekt ist Teil des Beitrags von EFFEKT zur Internationalen Architekturbiennale in Venedig, die vom 22. Mai bis zum 21. November 2021 stattfindet und das Thema „Wie werden wir zusammen leben“ behandelt.

„Es ist das Bestreben der Gemeinde Middelfart, weiterhin zu den fortschrittlichsten und innovativsten Gemeinden zu gehören, wenn es darum geht, konkrete Lösungen zur Reduzierung unserer Klimaauswirkungen zu finden. Mit einem Projekt wie ‚Naturbyen‘ tragen wir dazu bei, die Messlatte für künftige Wohnviertel höher zu legen und die Kompetenzen innerhalb des nachhaltigen Bauens und der Stadtplanung zu stärken, so dass wir die CO₂-Emissionen reduzieren und eine Inspiration für andere sowohl national als auch international sein können.“
– Johannes Lundsfryd Jensen, Bürgermeister der Kommune Middelfart

Neuer Wald soll Bewohnende anziehen und das Land begrünen

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Stattfinden soll die große Vision auf einem noch kahlen landwirtschaftlichen Feld im östlichen Teil Middelfarts. Über die Zeit soll diese brach liegende Fläche in ein neues Wald-Nachbarschaftsviertel transformiert werden. Das Ergebnis: Ein Cluster aus kleinen Gemeinden, in denen die Umwelt und Biodiversität sowie der verantwortungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen im Vordergrund stehen. Konkret sind insgesamt 200 neue Häuser in einem neu gepflanzten Wald geplant. Das Projekt bietet einen deutlichen Kontrast zur vorherrschenden Wohnform in Dänemarks Vorstädten, die vor allem durch traditionelle Reihenhausbebauung geprägt ist.

Aufforstung als erster Schritt

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Der erste Schritt ist es, die landwirtschaftliche Fläche auf- und vorzubereiten, um sie sukzessive mit einer Reihe bewährter Methoden wiederherzustellen, nachdem sie lange Zeit brachlag. Für diese Phase werden Branchenexperten einbezogen, die jahrelange Erfahrung mit dem Management und Design von urbaner Vegetation und städtischen Wäldern mitbringen. Durch die dichte Bepflanzung der nährstoffreichen Fläche lässt sich das Wachsen des Waldes stark beschleunigen – so kann er laut den Architekt:innen innerhalb einer kurzen Zeitperiode von 15 Jahren erschaffen werden. Vor allem die dichte Erstbepflanzung ermöglicht diese Beschleunigung, die ein optimales Mikroklima schafft. Dieses regt das Wachstum der Bäume an, die nach den ersten Wachstumsjahren nach und nach ausgelichtet werden. Neue Vegetationsschichten kommen hinzu, um das etablierte Mikroklima weiterhin erhalten zu können und zudem die Biodiversität zusätzlich zu erhöhen.

Es wird bei der Bepflanzung des Waldes auch darauf Wert gelegt, dass vorrangig essbare Pflanzen wie Nüsse, Wurzelgemüse, Pilze und Früchte angebaut werden – somit ist der Wald nicht nur ein Ort der Erholung, sondern auch zugleich eine Nährstoffquelle für die künftigen Bewohner:innen. Ebenso werden lokale Kompostierung und Kleinviehhaltung die Bewohnenden in die Lage versetzen, den Wald zu bewirtschaften.

Naturschutz, Verdichtung und soziale Nachbarschaft

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Neben dieser Aufforstung tragen auch zahlreiche weitere Maßnahmen zur Umweltfreundlichkeit des Projektes bei. Die Initiator:innen verfolgen das Ziel, Wohnen auf kleinstem Raum in simpler Bauweise mit hoher Qualität und Funktionalität zu ermöglichen. Zudem werden natürliche und recycelbare Materialien für den Bau der Häuser verwendet. Durch die Optimierung des Häuserbaus und der idealen Flächennutzung durch intelligentes und flexibles Design können Energie, CO₂-Emmissionen und monetäre Mittel eingespart werden, während gleichzeitig Raum für die Artenvielfalt und die natürliche Umgebung entsteht.

Die Dichte der Bewohnenden liegt auf einem ähnlichen Niveau wie die der umliegenden Parzellenhaussiedlungen. Anders als in der traditionellen Reihenhausanordnung sind die Wohnhäuser in Naturbyen jedoch in Clustern von 15 bis 25 Häusern um einen gemeinschaftlichen Innenhof angeordnet. Darüber hinaus hat jedes einzelne Haus einen direkten Zugang zu kleineren Terrassen – eine davon geht zum Hof hin, die andere liegt in Richtung Wald. Die Zwischenräume und die Landschaft, die sich zwischen den Häusern auftut, werden als gemeinschaftliche Flächen genutzt. Dort können sich die Bewohnenden treffen, austauschen und erholen. Eine Besonderheit an dem Entwurf ist außerdem, dass die Fläche für private Gärten im Gegensatz zu normalen Reihenhaussiedlungen bewusst reduziert wird, um die Interaktion der Bewohnenden auf den größeren Gemeinschaftsflächen zu maximieren. Somit bietet das Projekt nicht nur eine attraktive und sehr umweltfreundliche Wohnlandschaft im Grünen – ein wichtiges Nebenprodukt ist auch die Schaffung gesunder und sozial verbundener Nachbarschaften.

Hohe Vielfalt an Wohntypologien

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Dabei wird insgesamt auch ein großer Wert auf eine Durchmischung der Wohntypologien und folglich ihrer Bewohner:innen gelegt. Dazu gliedert sich der neue Stadtteil in mehrere einzelne Cluster auf, die sich durch eine hohe Vielfalt an Wohnungsangeboten sowie Eigentumsmodellen auszeichnen. Dazu gehören nicht nur klassische Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser, sondern auch Miet-, Sozial- und Gemeinschaftswohnungen. Diese unterschiedlichen Cluster schaffen einen vielfältigen Nährboden für eine lebendige Bewohner:innengemeinschaft.

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Insgesamt darf sich Middelfarts Gemeinde also über einen neuen umweltfreundlichen und auf Diversität fokussierten Stadtteil freuen. Die Initiator:innen streben an, ein klimapositives Quartier zu erschaffen, das als Vorbild der künftigen Wohnraumversorgung des Landes dienen kann. Zu den Maßnahmen zählen die CO₂-Speicherung durch Aufforstung sowie in Materialien (Holz und Biomasse) und die Entwicklung von Energiegemeinschaften (Smart Grids), die über die Wohncluster hinweg eingerichtet werden. Diese Gemeinschaften verteilen die Energieproduktion zwischen den Häusern und leiten überschüssige Energie zurück in das Energienetz.

Die Gemeinde Middelfart befindet sich in ständigem Dialog über das Projekt mit potenziellen Entwicklern und erwartet, das Projekt im Jahr 2022 voranzutreiben. Sie wollen durch Naturbyen einen Weg finden, um mehr Platz für die Natur und gleichzeitig mehr Wohnraum für die wachsende Bevölkerung zu schaffen.

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