TORONTO: EIN HOCHAUS ZWISCHEN VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT

© NORM LI

Das Stadtgewebe Torontos ist eine vielgestaltige Collage. Im Herzen des Finanzdistrikts der Stadt stehen Altbauten mit aufwendig gestalteten Fassaden des Historismus und lediglich drei Geschossen direkt neben spiegelnden Wolkenkratzern. Ein unauffälliger, weniger ambitionierter Bestandsbau an der Kreuzung Yonge und Wellington Street East wird hier bald einem hochaufragenden Neubau Platz machen: Mit 55 Yonge entsteht ein 66-stöckiger Wohn- und Büroturm, entworfen in einer Kooperation der in der Stadt ansässigen Architekturbüros PARTISANS und BDP Quadrangle. Der Bau teilt sich einen Straßenblock mit einem weiteren Hochhaus und wird die beachtliche Skyline der mittlerweile rund drei Millionen Einwohner:innen zählenden Stadt um eine dynamische Figur erweitern.

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Das Gebäude ist in seinen Funktionen viergeteilt: im Erdgeschoss und 1. OG finden sich Laden- und Gastronomieflächen, in den zehn Stockwerken darüber Büros. In den oberen Stockwerken werden fast 500 neue Wohnungen mit unterschiedlichsten Grundrissen entstehen vom 40 m2 großen Ein-Zimmer-Apartment bis hin zu mehrstöckigen Wohnungen mit über 185 m2.

Zwischen der Büro- und der Wohnnutzung fungieren die Stockwerke 13 und 14 mit semi-öffentlichen Orten als Puffer und Bindegelied. Nutzer:innen und Mieter:innen beider Bereiche haben hier Zugang zu Wellness-Einrichtungen, zu denen eine großzügige Freiluftterrasse, ein Schwimmbad und ein Fitnessstudio gehören. Eher auf die darunterliegenden Büros ausgerichtet sind die Sitzungsräume, informellen Besprechungsbereiche und Serviceeinrichtungen, die hier geplant sind. An seiner Spitze gipfelt der Turm in einer Reihe von abgestuften Terrassen, die weitere Aufenthaltsorte für die Bewohner:innen und eine spektakuläre Aussicht bieten.

Der Übergang zwischen der breiten Basis der Bürogeschosse und dem schmaleren Körper der Wohnebenen wird von der Fassade fließend moduliert. Das Bild, das die Architekt:innen hier erreichen wollen, ist das eines elastischen Stoffes, der über die beiden Bauteile gezogen wird. Als Resultat bildet die Außenhaut des Gebäudes hier eine weiche, geschwungene Geste, die die beiden Geschosse als Fuge ablesbar macht. Die formale Gestaltung der Fassade ergibt sich laut den Architekten grundsätzlich aus Überlegungen zum Sonnenschutz. So kombiniert die Gliederung horizontale Elemente zur Verschattung der dahinterliegenden Räume und vertikale Blendschutzelemente, die Reflexionen nach außen minimieren sollen. Die Füllung dieses Rasters reagiert ihrerseits auf die unterschiedliche Intensität der Sonneneinstrahlung, die durch die Höhe des Gebäudes bedingt ist. So liegt die Durchfensterung der Fassade in der unteren Zone bei 90 %, in der obersten und damit exponiertesten dagegen bei 50 %.

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Auf Straßenniveau bedient sich die ansonsten technoide Ästhetik der Fassade einer fast gotischen Formensprache: Wie in einem Kirchenschiff kommen acht Meter hohe Spitzbögen auf schlanken Pfeilern und Gratgewölbe in einer modernen Interpretation zum Einsatz, um die zweigeschossige Lobby zur Umgebung zu öffnen.

Damit haben die Architekten von PARTISANS und BDP Quadrangle ihre ganz eigene Spielart der historisierenden Architektur entwickelt, die sie der Collage der Stadt hinzufügen werden.

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