„DER REICHE“ UND DIE WOHNUNGSNOT

Der Mangel an bezahlbarem Wohnbau wird aktuell von vielen Stimmen als soziale Frage des 21. Jahrhunderts ausgerufen. Regelmäßig verkündet die Politik, sie wolle sich stärker um Baumaßnahmen bemühen. Und das tut sie auch. 2016 sind durch den sozialen Wohnungsbau 24.550 Sozialwohnungen entstanden – 10.000 mehr als im Vorjahr. Trotzdem sei das viel zu wenig, urteilen Kritiker. Ein Blick auf die älteste existierende Sozialwohnsiedlung zeigt, wie alt das Problem ist und wie Lösungsansätze vor einem halben Jahrtausend aussahen.

Im Mittelalter war es nicht unüblich, dass reiche Bürger an Stiftungen für Kirchen, Klöster, Spitäler und Siechenhäuser spendeten. Damit verliehen sie ihrem Glauben Ausdruck. Der mächtigste und reichste Mann des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen war der Augsburger Händler, Montanunternehmer und Bankier Jakob Fugger. Nach einer Kapelle, die Fugger erbauen ließ, wandte sich „der Reiche“, so sein Spitzname, 1516 einer Wohnsiedlung für ärmere Mitbürger zu. Die „Fuggerei“ wurde eine der ersten zusammenhängend entwickelten Wohnsiedlungen. Bei der Fertigstellung im Jahre 1523 behauste die Siedlung 102 steuerpflichtige Bürger. Bewohner konnte allerdings nur werden, wer unverschuldet in Not geraten war und das Betteln scheute, sogenannte Hausarme. Die Miete betrug eine Rheinische Gulde pro Jahr. Das entspricht heute 88 Cent und ist exakt der Mietbetrag, den auch gegenwärtig ansässige Bürger zahlen. Außerdem mussten die Bewohner des 16. Jahrhundertes täglich drei Gebete für die Stifterfamilie sprechen: ein Avemaria, ein Vaterunser und ein Glaubensbekenntnis.

Auch auf architektonischer Ebene hatte und hat die Fuggerei einiges zu bieten. Anstelle der im Mittelalter üblichen geschwungenen Straßenzüge kreuzten sich Straßen auf zukunftsweisende Art. Fünf Gassen liefen jeweils symmetrisch auf eine zentrale Herrengasse zu. So stellte man sicher, dass der zur Verfügung stehende Raum optimal genutzt wurde. Die Häuser waren darüber hinaus baugleich. Jedes Haus verfügte über zwei 60qm große Geschosse mit separaten Eingängen. Die Wohnungen waren komplett eingerichtet mit einem heizbaren und einem ungeheizten Zimmer, mit Küche, Kammer und Holzablage. Nur die Türglocke war individuell gestaltet, heißt es. Dies habe den Bewohnern dazu gedient, die richtigen Türen zu finden. Die Fuggersiedlung evoziert den Eindruck kontemporärer Quartiersentwicklung und das leider auch mit ihren potentiellen Defiziten. Nämlich mangelte es der Fuggerei gegenüber damals üblichen Armenquartieren an öffentlichem Raum zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. Es wird behauptet, Fugger habe vermeiden wollen, dass die Bewohner ihre Zeit in Geselligkeit vertrödelten.

Eine Kernfrage bleibt, was Fugger dazu motivierte, derlei sozialen Wohnungsbau zu betreiben. Ein politischer Grund war, dass durch die Urbanisierung schon im 16. Jahrhundert der Wohnraum knapp wurde. Diese Knappheit sowie die städtische Armut erzeugten sozialen Unfrieden. Fugger, der immer mehr zur Zielscheibe der Wut auf die Wohlhabenden wurde, wollte wohl mit seiner Armensiedlung beweisen, dass sein Reichtum nicht zulasten der ärmeren Bevölkerung ging. Wie immer handelte es sich vermutlich auch im Falle Fuggers um eine Vielzahl an Gründen, die ihn zum Bau der Fuggerei veranlasste: Geschäfts- und Gemeinsinn, Reputation, aber wahrscheinlich auch echte Betroffenheit.

Die Person des Jakob Fugger beweist, dass Individuen mit außerordentlichen finanziellen Mitteln, deren Anzahl wohl heute nicht geringer ist, sich bei sozialen Problemen einbringen können und davon in vieler Hinsicht auch selbst profitieren. Nicht zuletzt durch familiäres Seelenheil.

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