UTE ELISABETH WEILAND: GELASSENHEIT FINDET STADT

© Dennis Williamson

Unser Leben ist von Beschleunigung und Tempo geprägt – besonders als Stadtmensch, mit Bürojob, vielen Terminen, sozialen Verpflichtungen, langen To-do-Listen. Die Corona-Krise machte dem ein jähes Ende. Für viele begann eine Zeit der Entschleunigung, des Innehaltens – zugegebenermaßen auch erzwungen: Quarantäne und Abstandsregeln bedeuteten eine Pause von unserem bisherigen Alltag, mit allem, was dazugehört. Und viele erkannten: Neben den schönen, erfüllenden und bereichernden Facetten, die unser Leben bereithielt, war es zu einem großen Teil auch geprägt von Unruhe, Rastlosigkeit, Ablenkung und Fremdbestimmung.

Die ersten Impulse bei einer Krise sind sicherlich: Panik, Flucht und Aktionismus. Doch Corona war anders. Für mehrere Wochen verlangte das Virus uns etwas ganz anderes ab: passiv statt aktiv, drinnen statt draußen, leise statt laut zu sein. Die Stunden, Tage und Wochen zu Hause – zurückgeworfen auf uns selbst und konfrontiert mit einer großen Unsicherheit – waren für uns alle eine Herausforderung. Die bequemen kleinen Fluchten des Alltags, die Ablenkungen und das Grundrauschen – Shopping, Restaurants, Kinos, Treffen und Begegnungen – fielen plötzlich weg und offenbarten eine neue Stille, die es auszuhalten galt.

Diese Zeit der Stille zeigte uns, dass man die Corona-Krise, und damit sicherlich auch jede andere Herausforderung, am besten mit einer besonderen Einstellung aushalten und überstehen kann: Gelassenheit, Geduld und Gemütsruhe; die Fähigkeit, auch in einer schwierigen Situationen die Fassung zu bewahren.

Wohl dem, der einen Garten hat oder eine Zuflucht auf dem Lande. Aber Stadtflucht kann ja nicht die Antwort sein. Wir schätzen die Vorzüge der Städte. Sie verschwanden nur im Laufe der Zeit in der Rastlosigkeit, dem Lärm, der schlechten Luft und der Dichte der äußeren Impulse.

Die Stadtmenschen lernten in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen die wohltuende Wirkung von Natur neu zu schätzen. Spazierengehen, eine längst verloren geglaubte Kulturtechnik, wurde wiederentdeckt. Die einsamen Straßen gaben den Blick frei auf Stadtansichten, die vorher im Gewühl der Massen untergingen. Wir nahmen unsere Städte neu wahr; wir entdeckten Rückzugsorte und Ruhezonen, Räume in der Stadt, in denen sich Gelassenheit entwickeln kann.

Krise bedeutet auch immer Chance. Die Chance, überkommene Gewohnheiten abzulegen, innezuhalten, um einen Neuanfang zu wagen. Nicht zurück zur Normalität, sondern vorwärts in eine bessere Zukunft. Das war der Anstoß für eine neue Initiative unter dem Dach von Deutschland – Land der Ideen. „#beyondcrisis – Zeit für neue Lösungen“ sucht Ideen, die aus der Krise Zukunft bauen.

Von innovativen Geschäftsmodellen und Beratungsangeboten über Nachbarschaftshilfen bis hin zu digitalen kulturellen Formaten – in ganz Deutschland haben kreative Köpfe Lösungen erdacht. Sie alle wollen Menschen Mut machen, ihnen Gelassenheit schenken und ihren Alltag ein Stück weit sozialer, gesünder, nachhaltiger und lebenswerter machen. Und sie zeigen uns, welche Werte wirklich wichtig sind: Familie und Gemeinschaft, Natur und Entschleunigung.

Zu einem gelassenen, in sich ruhenden Grundgefühl trägt eine stabile Gemeinschaft bei – seien es die Familie oder der Freundeskreis; Menschen, auf die man sich verlassen kann und die in Krisensituationen für einen da sind. Was aber, wenn man Single ist oder in seiner Stadt noch kein starkes Netzwerk aus Freunden oder Nachbarn aufgebaut hat? Hier setzt das Projekt „bring together“ an: Die Matching-Plattform hat das Ziel, gemeinschaftliche Lebens- und Wohnformen zu fördern und nachhaltige, solidarische Prozesse in der Gesellschaft zu stärken und umzusetzen. Damit bieten die Macher einen Lösungsansatz, der fehlende Familienstrukturen ersetzt und Wahlfamilien schafft, die sich gegenseitig respektieren und helfen; „bring together“ operiert gleichzeitig auf einer individuellen und gesellschaftlichen Ebene: Das Projekt wirkt Vereinsamung entgegen und entlastet zugleich die sozialen Sicherungssysteme.

Familien und Alleinerziehende mit kleinen Kindern wurden in den vergangenen Wochen einem ganz besonderen Stresstest ausgesetzt: Kitas und Schulen geschlossen, Betreuung durch Großeltern verboten. Ein Künstler und ein Psychologe fühlten sich angespornt, dafür eine Lösung zu finden.

Rimbin, ein infektionsfreier Spielplatz, ist das Ergebnis. Hier können Kinder gemeinsam spielen, reden und lachen, ohne die Verbreitung von Covid-19 zu riskieren und den Spaß am Spiel zu verlieren.

Rimbin bietet jedem Kind seine eigene Spielplattform. Es gibt einen Spielpfad mit einem separaten Eingang, der zu jeder dieser Plattformen führt. Wenn ein Bereich besetzt ist, wird dies am Eingangstor kenntlich gemacht. Zwischen den Plattformen können die Kinder mithilfe von Sprachrohren miteinander kommunizieren. Diese Verbindungsrohre transportieren den Schall von Sprache analog. Somit können Kinder einen geheimen spielerischen Dialog führen, ohne die Kontrolle und Aufsicht der Eltern.

Außerdem werden zwischen den verschiedenen Plattformen interaktive Spielmöglichkeiten, wie Wippen und andere motorische Spiele angeboten. Dadurch teilen die Kinder aus sicherer Entfernung eine gemeinsame Spielwelt.

Die Inspiration zu Rimbin nahmen die Gestalter aus der Natur. Die Spielflächen sehen aus wie amazonische Riesenseerosenblätter, die ein Gewicht bis zu 60 Kilogramm tragen können.

Diese wegweisenden Beispiele machen Mut; Deutschland ist ein Land der Ideen, trotz – oder besser gesagt: gerade, wenn wir uns einer Herausforderung stellen müssen. Die nächste Krise kommt bestimmt, entweder im Großen oder im Kleinen. Begegnen wir ihr mit Gelassenheit, denn es gibt immer eine Lösung. Die kreativen Köpfe in unserem Land beweisen es.

 


Ute Elisabeth Weiland

ist seit 2016 Geschäftsführerin der Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“. Zuvor war sie von 2008 bis 2016 stellvertretende Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft. Die studierte Musikpädagogin gründete 1998 das Erich Pommer Medieninstitut. Sie ist Mitglied in internationalen Netzwerken und publiziert regelmäßig zu den Themen Stadt, Bildung und Innovation.

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