RUHRSTÄDTESTUDIE BPD: SO WOHNT DER POTT

© André Schuster / Margarethe Krupp Stiftung

Für rund 5,1 Millionen Menschen ist das Ruhrgebiet der Lebensmittelpunkt. Auf einer Fläche von 4.438 km² bilden vier Kreise und elf kreisfreie Städte den größten Ballungsraum Deutschlands, der mit einer Bevölkerungsdichte von 1.152 Einwohnerinnen pro Quadratmeter vergleichsweise dicht besiedelt ist. Die Entstehungsgeschichte des Ruhrgebiets ist Fluch und Segen zugleich. Im Zuge der Industrialisierung und des Bergbaus im 19. und 20. Jh., der die Wirtschaft jahrzehntelang vorangetrieben hat, formierte sich der heutige Siedlungs- und Wirtschaftsraum. Durch die bis in die 70er Jahre andauernde Zeit des Wirtschaftswunders wuchsen kleine Dorfstrukturen zu Großstädten heran. Zechensiedlungen und Arbeitermilieus prägten die Siedlungsstrukturen zunehmend und binnen kürzester Zeit wurde die dörflich geprägte Region zum größten Ballungszentrum Europas. Die Ende der 50er Jahre folgende Kohle- und Stahlkrise führte schließlich zu einem beispiellosen wirtschaftlichen Zusammenbruch, den es aufzufangen galt. Damit einhergehend stellte fortan auch eine schwere Identitätskrise die Region, die sich zuvor über die Kohleindustrie definierte vor immense Herausforderungen. Und obgleich der Strukturwandel heute längst als erfolgreich abgeschlossen zu bewerten ist und das Ruhrgebiet sich dank verschiedenster Wirtschaftssektoren, von Gesundheits- bis Informationstechnologie, zu einem regelrechten Innovationsrevier mit attraktiven Unternehmensstandorten und einer breiten Bildungslandschaft entwickelt hat, dauert die Suche nach der eigenen Identität – insbesondere aus Sicht externer Beobachter – weiterhin an. Der Regionalverband Ruhr (RVR), der die Regionalplanung und -entwicklung der Region verantwortet, sowie die Business Metropole Ruhr GmbH (BMR) als regionale Wirtschaftsförderung, bemühen sich als übergeordnete Institutionen daher verstärkt darum, ein gemeinsames Bild einer Metropole Ruhr zu formulieren. Nicht zuletzt auch mit dem Ziel die Region als Wohnstandort zu stärken und auch externe Investoren zu überzeugen, die derzeit noch verhalten reagieren und die Zukunftsfähigkeit des Standortes kritisch betrachten. Das dem Ruhrgebiet anhaftende, „unfertige“ Image steht der Region, die als Wohnstandort großes Potenzial aufweist, zum Teil noch im Weg. Dies stellt auch Prof. Dr. Siedentop vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) fest: „Der Standort weist im Vergleich zu Düsseldorf, Berlin oder Frankfurt, deren Marktsituationen ausgereizt sind, noch durchaus Potenziale für Investitionen auf. Dies setzt aber voraus, andere Bilder und Erzählungen – und zwar weg von der ehemaligen Kohleregion – zu stärken. Wenn das gelingt, wird auch die Immobilienwirtschaft mit einem anderen Blick auf die Region schauen.”

In der Tat sind die Siedlungsstrukturen innerhalb des Ruhrgebiets außergewöhnlich und bieten so manches verstecktes Potenzial. Trotz seiner urbanen Dichte ist die Region weitaus weniger großstädtisch geprägt als andere gewachsene Stadtregionen. Die charakteristischen kleinteiligen, dezentralen Wohnstrukturen sind historisch auf eine Zeit zurückzuführen, als die in der Kohleindustrie tätigen Arbeiter gesunde Wohnstrukturen benötigten. Auch in der Vergangenheit galt es, attraktive Anreize für einen effektiven Fachkräftegewinn zu schaffen. Diese zum Teil kleinstädtischen Strukturen finden sich bis heute in den Milieu-Typologien des Ruhrgebiet wieder. So hebt auch die RuhrStädteStudie hervor, dass die Milieus im Ruhrgebiet nicht als klassisch metropolitan, sprich durch ein hohes bürgerlich-akademisches Niveau, geprägt sind, sondern vorwiegend durch einen hohen Anteil klassischer Arbeitermilieus. Dies wiederum schlägt sich auch in einer anderen Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt nieder.

Wie genau sich die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt sowie die Wohnentwicklung in der Region gestaltet, hat BPD Immobilienentwicklung über einen Zeitraum von zwei Jahren im Rahmen der RuhrStädteStudie untersucht – insbesondere auch vor dem Hintergrund, das Ruhrgebiet aus Investoren- und Projektentwicklerperspektive als Markt besser verstehen und den Bedürfnissen dort gerecht werden zu können. Der Fokus der Untersuchung lag auf drei Städten, die wichtige Entwicklungsmotoren der Region bilden: Essen, Bochum und Dortmund.

© polis Magazin / BPD

Anders als übliche Wohnungsmarktberichte, die weit gefasste Statistiken und Fakten darlegen, wurde im Rahmen der RuhrStädteStudie anders vorgegangen und  vorrangig sozialwissenschaftliche Methoden eingesetzt, um Antworten auf Fragen hinsichtlich Wohnungsangebot und -nachfrage sowie die entsprechenden Anforderungen an Wohnraum zu finden. Insbesondere Expertengespräche mit Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch eine repräsentative Befragung von Bürgerinnen und Bürgern aus 1.600 Haushalte sowie ein von Pim van den Berg durchgeführtes experimentelles Dialogformat lieferten neue Erkenntnisse, die sich fernab von den klassischen nackten Zahlen und Fakten bewegen.

Doch wie gestaltet sich das Ruhrgebiet als Wohnungsstandort und an welchen Stellen hebt es sich von anderen klassischen Standorten ab? Im Rahmen der RuhrStädteStudie ist es gelungen hierauf einen neuen Blick zu erzielen:

Im Gegensatz zu anderen Universitätsstädten, leben Studierende im Ruhrgebiet zum großen Teil noch bei ihren Eltern und nutzen die dicht besiedelte Agglomeration als idealen Raum zum täglichen Pendeln zwischen Wohn- und Bildungsstätte sowie Freizeitangeboten. Im Umkehrschluss dämpft dieses Wohnverhalten das innerstädtische studentische Leben. Die bereits genannten kleinteiligen und weniger metropolitanen Quartiersstrukturen spiegeln sich darüber hinaus auch in den Wohnpräferenzen wider, die im Ruhrgebiet nicht erst seit der Corona-Pandemie als durchaus „ländlicher“ einzustufen sind als in anderen großen Städten. Auch ist der Wunsch nach einem Eigenheim hier besonders ausgeprägt und mündet oft in dem klassischen Reihenhaus: ein Kompromiss zwischen eigenem Haus mit Garten und Leben in der Stadt.

Dieser Kompromiss mündet schlussendlich auch in einer vergleichsweise geringeren Nachfrage nach Eigentumswohnungen. So beträgt die traditionell niedrige Eigentumsquote im Bestand lediglich 27 %. Dabei erweist sich das Preisniveau von Wohneigentum im Ruhrgebiet als durchaus moderat: In Kombination mit einem nur etwas niedrigeren Einkommensniveau als in Düsseldorf macht dies den Standort Ruhrgebiet als Wohnungsmarkt sehr attraktiv. Anders als in Städten, in denen der Wohnungsmarkt stark überhitzt ist, reicht die Möglichkeit der Eigentumsbildung im Ruhrgebiet bis weit in die Mittelschicht. Dies ist den Menschen durchaus bewusst – das belegt unter anderem die BPD-Wohnwunschbefragung in Essen und Bochum aus dem Jahr 2021. Sie ergab, dass Haushalte, die ihren nächsten Umzug planen zu 18 % in Eigentumswohnungen investieren wollen. Rund ein Viertel beabsichtigt sogar den Hauskauf.

Die RuhrStädteStudie belegt ferner, dass der Neubaubedarf pro Einwohner vor allem in den Großstädten Essen, Bochum und Dortmund trotz gestiegener Bautätigkeiten nicht erreicht wird. Sollte dem nicht aktiv entgegengewirkt werden, wird dies zukünftig zu steigenden Preisen oder zur Verdrängung ins Umland führen. Joachim Siepmann ist Niederlassungsleiter bei BPD NRW – er sieht hierbei eine große Chance für Projektentwickler: „Der Wohnstandort Ruhrgebiet wird aufgrund der aktuell nicht ausreichend bedienten Nachfragesituation auch für Projektentwickler zu einer attraktiven Investitionsmöglichkeit. Die Kombination aus Wohnungsbedarf, Erschwinglichkeit und niedriger Eigentumsquote macht das Ruhrgebiet sowohl für Anbieter als auch Nachfrager attraktiv. Käufer aus breiten Schichten erhalten hier die Möglichkeit einer kalkulierbaren und bezahlbaren Eigentumsbildung. Darüber hinaus sind auch die Rahmenbedingungen für Kommunen durchaus attraktiv, um städtebauliche Nachholbedarfe anzupacken.“

© BPD // Der Traum vom Eigenheim: Im Ruhrgebiet lässt er sich noch eher verwirklichen als anderswo.

Wenn das Ruhrgebiet also eine neue Erzählung über sich selbst kreieren und sich auch nach außen als attraktiver Arbeits- und Wirtschaftsstandort präsentieren möchte, muss es gleichzeitig auch seine Qualitäten als Wohnstandort etablieren und kommunizieren. Die Notwendigkeit kreativer Wohnmilieus, die Menschen nicht nur in der Region halten, sondern auch Fachkräfte von außerhalb gewinnen, liegt dabei auf der Hand. Die in der RuhrStädteStudie hervorgebrachten Erkenntnisse lassen Neubauaktivitäten zukünftig als unabdingbar erscheinen. Insbesondere mit Blick auf die Nachkriegsbauten, die die Siedlungsstrukturen oftmals dominieren, wird der Neubau zukünftig einen große Rolle spielen, um die Nachfrage nach modernen Wohnformen langfristig stillen zu können. Allen Ruhrgebietsstädten ist der Bedarf an modernen, zeitgemäßen Wohn(t)räumen gemein. Zweifelsohne variieren diese von Stadt zu Stadt, wenngleich „Außenstehende“ mitunter Schwierigkeiten damit haben, Unterschiede zwischen den Ruhrgebietsstädten zu erkennen. Ein näherer Blick auf die Charakteristika der Ruhrstädte Essen, Bochum und Dortmund verdeutlicht jedoch deren jeweilige Vielseitigkeit, bevor eine detaillierte Analyse „zeitgemäßer Wohnangebote“ sowie der geeigneten Standorte auf Grundlage der BPD-Wohnwunschbefragung erfolgt.

Auch wenn das Ruhrgebiet aus insgesamt vier Kreisen und elf Städten besteht und es sich natürlich nicht um eine Metropole handelt, lässt ein Blick auf die von BPD erarbeitete Milieukarte ein großräumiges Muster erkennen, das sich quer durch die Stadtgrenzen zieht und das zumindest den Eindruck einer Metropole erweckt. So zeigt sich ein deutliches Süd-Nord-Gefälle, also zwischen dem landschaftlich attraktiven Ruhrtal mit seinen attraktiven Einfamilienhäusern und dem primär industriell geprägten Norden. Infolgedessen hat jede RuhrStadt Anteil an diesen beiden räumlichen Bereichen. Dazwischen liegen jeweils „urbane Inseln“, die als Lieblingswohnorte der Großstädter gelten: Essen-Rüttenscheid, Bochum-Ehrenfeld und das Dortmunder Kreuzviertel. Infolgedessen sind es auf den ersten Blick eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede, die die Ruhrgebietsstädte definieren, eben das „bisschen was von allem“, von Quartieren über Lagen, bis hin zu Kultur und Infrastruktur. Dennoch offenbaren sich bei genauerer Betrachtung auch einige Unterschiede: Bochum ist die siebtgrößte Universitätsstadt Deutschlands, Dortmund gilt als die heimliche urbane Hauptstadt Westfalens mit seinen großen und dichten gründerzeitlichen Innenstadtquartieren sowie den höchsten Anteilen an Arbeitermilieus, und Essen weist deutlich mehr bürgerliche Milieus, weniger Kernstadt, mehr zentrale Konversionsflächen und Einpendler auf. Darüber hinaus werden die einzelnen Stadtgrenzen vor allem bei der Betrachtung der Umzugsströme zwischen den Postleitzahlengebieten deutlich: Zwischen Nachbarstädten wird gependelt, nicht aber umgezogen. Auch das Liniennetz der Straßenbahn- und Stadtbahnsysteme visualisiert die Stadtgrenzen, wenngleich hier das Zugrundelegen einer Metropole aufgrund der großen Pendlerströme erstrebenswerter wäre. Summa summarum liegt eine Herausforderung darin, den Spagat zwischen „Arbeitsteilung in der Metropole Ruhrgebiet“ und „Bewahrung der eigenen Identität als Vollsortimenter“ zu leisten:

Während die Arbeitsteilung auch kontraproduktiv sein kann – denn, wenn nicht jede Stadt alles haben kann, wird nicht jedes Zentrum einer RuhrStadt in Zukunft auch noch Einkaufsstadt mit funktionierender Fußgängerzone sein können –  wird die Herausarbeitung individueller Stärken zweifelsohne zu mehr Identität und der Entwicklung eines eigenen Image führen.

© pixabay / Andreas Poznanski // Der Landschaftspark Duisburg-Nord: einst industrielles Zentrum, heute beliebte Naherholungsgebiet- und Kulturstätte.

Dass sich die Einwohnerinnen und Einwohner der jeweiligen RuhrStädte bereits stark mit ihren Orten identifizieren wird insbesondere in der Wohnwunschbefragung von BPD deutlich. Auf Stadtebene zieht es im Grundsatz alle eher in die eigene Stadt, wobei auch hier eingangs erwähnte Süd-Nord-Schichtung sichtbar wird. Sowohl in Essen und Bochum als auch in Dortmund kann sich ein Großteil der Befragten nicht vorstellen im Zentrum oder in nördlich gelegenen Vierteln zu wohnen, sondern präferiert eher Wohnraum in südlicheren und damit gleichsam grüneren Gebieten. Abhängig von der Altersstruktur zeigt sich jedoch, dass sich jüngere Generationen gegenüber dem Zentrum und nördlichen Lagen toleranter zeigen als die älteren Generationen. Vor dem Hintergrund des Bedarfs an Neubauwohnungen könnte der Norden daher künftig ein ideales Pflaster für die Wohneigentumsbildung breiter Schichten werden. Aufgrund des Erscheinungsbildes und des andauernden negativ behafteten Image braucht es hier allerdings gezielte Impulse; und zwar weniger „Leuchttürme“ und „Paukenschläge“, sondern mehr Investitionspools aus Bestandshaltern für die Sanierung; Projektentwickler, die investieren wollen; Bewohner, die sich ihre Wohnwünsche nach Eigentum, Haus und Grün erfüllen können; und Kommunen, die einerseits Wohnwünsche akzeptieren und zugleich auch den öffentlichen Raum gestalten.

In puncto Wohnwunsch zeichnet sich im Ruhrgebiet eine starke Neigung zum Wohnen im Grünen ab. Infolgedessen ist auch das Einfamilienhaus wie bereits eingangs erwähnt beliebter als in anderen Metropolen. Zwar wird im städtebaulichen Diskurs oft eingewandt, es gebe genügend Einfamilienhäuser, die in den kommenden Jahren durch die Generationswechsel frei werden, dem setzt BPD jedoch ihre Berechnung auf Basis der bundesweiten BPD-Wohnwunschbefragung und der Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamtes entgegen.

Ergebnis: Der Peak der Einfamilienhaus-Freizüge liegt erst im Jahr 2054 und damit nach dem Gipfel der Sterbejahre der Baby-Boomer. Um eine adäquate Versorgung der aktuell Jungen sicherzustellen, kommt die Angebotswelle daher zu spät – oder andersrum ausgedrückt: Die Nachfrage wird noch für viele Jahre das tatsächliche Angebot übersteigen. Zwar mag es durchaus möglich sein, die Älteren vorzeitig „aus dem Bestand zu locken“; allerdings sind ältere Menschen in der Regel zufrieden mit ihrer Wohnsituation und wünschen sich anstelle eines Ortswechsels eher personelle Unterstützung im Haushalt. Die jüngeren Generationen zeigen hingegen mehr Ambition, ihre Wohnsituation durch einen Umzug zu verbessern.

© LuiseBerg-Ehlers / AlamyStockFoto // Urbaner Hochschulstandort und grüne Idylle schließen sich in Bochum keineswegs aus.

Mit Blick auf die vergangenen Jahre hat das Einfamilienhaus im Ruhrgebiet durchaus eine Rolle in der strategischen Stadtentwicklung gespielt. Das prominenteste Beispiel ist der Dortmunder Phoenixsee. Verwirklicht wird der Einfamilienhaus-Wunsch primär von 30-40-Jährigen, einer Altersgruppe, die mittlerweile wieder wächst und deren Sehnsucht nach dem „Leben im Grünen“ besonders während der Corona-Pandemie gestiegen ist. Auffällig ist, dass hier weniger die größere Wohnfläche im Mittelpunkt steht: Die Haushalte haben häufig Flächenansprüche, die deutlich unter denen des üblichen Einfamilienhauses des aktuellen Neubaus oder des Bestandes der vergangenen Jahrzehnte liegen. Vor dem Hintergrund des Wunsches nach individuellem Wohnen, Privatsphäre, Ruhe und Grün sowie der bestehenden Flächenknappheit besteht die Herausforderung darin, die Qualität des Einfamilienhauses in urbaneren Typologien zu realisieren. Als Orientierung könnten hier Grundrisse wie die der Häuser der 1920er Jahre dienen, deren Architektursprache bei den jungen Haushalten wieder Anklang findet.

So sehr sich die Wohnwünsche der jungen Generationen mit denen ihrer Eltern überlappen, so verschieden sind sie in ihrer Soziostruktur: deutlich digitaler, großstadtliebend, akademisch und nicht selten mit einem Migrationshintergrund. Gerade letztgenannter Punkt beeinflusst die Wohnungsnachfrage, da der Wunsch nach Eigentumsbildung sowie familiäre Unterstützungsstrukturen in dieser Gruppe stärker ausgeprägt sind; zugleich jedoch ein im Durchschnitt niedrigeres Einkommen und Vermögen vorhanden ist. Den Bedarfen dieser Generation samt ihrer veränderten Lebensverhältnisse müssen auch Projektentwickler und Kommunen mit entsprechenden Wohntypologien begegnen. Wie BPD ermittelt hat, ist individueller und wenig dichter Geschosswohnungsbau beliebter als gleichförmiger Reihen- und Townhouse-Bau.

© BPD // Rheinhäuser sind im Ruhrgebiet besonders beliebt.

Neben der Untersuchung, welche Wohntypologien künftig den Bedarf an Wohnraum decken könnten, galt es herauszufinden, welche Wohnungsprodukte gegenwärtig für welche Zielgruppe auf dem Markt fehlen. Bei der Planung und Projektentwicklung sollten folgende drei Gruppen stärker berücksichtigt werden: junge Städter mit Verbesserungsabsichten, Baby-Boomer im großen Einfamilienhaus und die bislang nicht altengerecht wohnenden älteren Menschen.

„Insbesondere die Gruppe der jungen Städter kann sich aufgrund der Arbeitsmarktlage und des aktuellen Zinsniveaus die Eigentumsbildung bereits vor der Haus- und Familienphase vorstellen“, stellt Dr. Christian v. Malottki, Researcher bei BPD und Autor der RuhrStädteStudie, fest. „Deren Wünsche beziehen sich vor allem auf hippe urbane Wohnprodukte mit Balkon, die sie zunächst selbst bewohnen und später entweder wieder verkaufen oder vermieten können“. Mit passenden Wohntypologien könnte es Kommunen daher gelingen, junge Städter auch langfristig in der Region zu halten, denn Eigentum verpflichtet nicht nur, es bindet auch. Baby-Boomer können sich hingegen nur dann einen Umzug vorstellen, wenn die kleinere Ziel-Immobilie mit einem hohen Freizeitwert in der Stadtlandschaft Ruhrgebiet punktet. Der Wunsch geht hier deutlich in Richtung „stadtnah“ und „am Wasser“ gelegen. Eine höhere Umzugsquote dieser Altersgruppe kommt den Städten zugute: Denn so werden schneller große Wohnungen frei. Gleichzeitig sollte diese Altersgruppe im Ruhrgebiet gehalten werden.

Erst die ganz Alten ab ca. 75 (und nicht wie oft diskutiert schon die 60-Jährigen) zieht es wieder in die Stadtzentren – allerdings standorttreu innerhalb der eigenen Stadt mit Wunsch nach unterstützenden Dienstleistungen. Zu den ausschlaggebenden Pull-Faktoren gehören hier Gastronomie und kurze Wege. Auch diese Gruppe macht größere Wohnungen frei, wenn sie zum Umzug bewegt werden kann. Nichtsdestotrotz sollte auch die Standardzielgruppe der 30-35-Jährigen nicht vergessen werden, denn die Wohnstandortentscheidungen dieser geburtenstarken Jahrgänge werden künftig nicht nur die räumliche Struktur des Ruhrgebietes, sondern die Gesamtdeutschlands prägen.

Über ein Jahr haben die Expertengespräche, Standortbesichtigungen und Befragungen im Rahmen der RuhrStädteStudie angedauert. Dabei wurde deutlich, dass im Ruhrgebiet im Vergleich zu vielen anderen verdichteten Räumen in Deutschland noch vergleichsweise preiswert gewohnt werden kann. Neben grünen und kleinstädtischen Strukturen überzeugt vor allem auch ein breites Kultur- und Arbeitsplatzangebot. Insbesondere die im Ruhrgebiet vorzufindenden Mixturen aus Stadt und Landschaft sind ein Alleinstellungsmerkmal und treffen den aktuell vorherrschenden Wohntrend, dass die Menschen Stadt und Landschaft gleichzeitig haben wollen.

Christian v. Malottki war überrascht, wie sehr die Gespräche mit den Akteuren in der Region noch um das Thema Strukturwandel und Arbeitsplätze gingen. „Dass das Ruhrgebiet auch ein attraktiver Wohnstandort ist, an den man Auswärtige lockt oder deswegen die Einheimischen hierbehält, das war ein wenig zu hörendes Narrativ“.

© BPD

Die Vielseitigkeit, die sich in der räumlichen und sozio-kulturellen Struktur der Region wiederfindet, sollte sich auch in neuem Wohnraumangebot widerspiegeln – etwa in Wohnquartieren mit individuellem Charakter und Image. Dazu gehört insbesondere auch die Aufforderung an Projektentwickler, sich im Hinblick auf ihre Investitionstätigkeiten im Neubau zukünftig auch stärker auf die nördlichen Lagen des Ruhrgebiets zu fokussieren, die sowohl einen hohen Bedarf als auch versteckte Potenziale aufweisen. Nicht außer Acht gelassen werden sollte bei dieser Aufforderung jedoch, dass insbesondere der die Region prägende Wohnungsbestand aus der Nachkriegszeit stark sanierungsbedürftig ist. Eine verstärkte Neubautätigkeit sollte demnach immer auch um eine fokussierte Bestandsaufwertung ergänzt werden, um Einheimischen und Neuzuziehern das Gefühl eines ganzheitlichen städtebaulichen Transformationsprozesses zu vermitteln.

Mit Blick auf die Wohntypologie ist seitens Kommunen und Projektentwicklern zu beachten, dass sich diese stark an den im Rahmen der Studie ermittelten Bedürfnissen der Einwohner orientieren sollten: Grüner, urbaner und individueller Städtebau mit Wohntypologien, die die Vorteile eines Hauses und die einer Wohnung verschmelzen lassen, erfüllt die Wohnwünsche der Nachfrager am besten und bildet einen attraktiven Mittelweg zwischen der steinernen Dichte teurer Metropolen und dem Flächenfraß der Provinz. Individualität innerhalb des Wohnraumangebotes bedeutet auch unterschiedlichen Generationen und Haushaltsgrößen einen Ort zum Leben zur Verfügung zu stellen. So sind urbane Einsteigerwohnungen insbesondere geeignet, um junge Menschen im Ruhrgebiet zu halten, während freizeitorientiertes Geschosswohnen in landschaftlich attraktiven Lagen für Baby-Boomer interessant ist. Altengerechte Wohnräume hingegen beschleunigen den Generationenwechsel im Gebäudebestand, sodass die aufgrund des demographischen Wandels frei werdenden Einfamilienhäuser jungen Familien als lebenswerte Wohnidylle inmitten des Potts dienen können.

Die Ergebnisse zeigen: Das Ruhrgebiet bietet Projektentwicklern eine einzigartige Möglichkeit, für die es nun die beste Zeit ist, sie beim Schopfe zu packen und in den Standort zu investieren. Wo sonst bietet sich noch eine derart vielseitige und urbane Region, dessen Wohnungsmarkt noch nicht gänzlich ausgeschöpft ist. Darüber hinaus zeichnet das Ruhrgebiet gegenwärtig neue Bilder der Region und entwickelt eine eigene Erzählung. Projektentwickler haben die Möglichkeit, diese Erzählung aktiv mitzugestalten und ihr ganz eigene Kapitel hinzuzufügen. „Wenn, dann hier“ heißt es passenderweise auch in der Standortkampagne des RVR. Gernot Pahlen, HUB-Manager Flächenentwicklung & Invest bei der BMR fasst die einmalige Chance, die der Standort bietet, treffend zusammen: „Es ist noch nicht fertig hier. Und genau das ist der Spirit dieser Region. Das Ruhrgebiet ist gerade deshalb spannend für die Immobilienwirtschaft, weil es dort noch Raum gibt, an dem etwas bewegt werden kann. Hier im Ruhrgebiet ist noch nicht alles schön; hier kann man noch gestalten.“ Dann los!

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