MARTIN HARTER: NEUE POTENZIALE IN ESSEN ENTDECKEN

© Bettina Osswald / Osswald Photographie

Was macht für Sie die städtebauliche Seele von Essen aus?

Die Stadt Essen besticht nicht nur durch viele Kleinode, sondern kann auch in der Gesamtschau und unter architektonischen und stadtplanerischen Gesichtspunkten als eine sehr spannende Stadt überzeugen. Angefangen in der Innenstadt, wo zwar aufgrund des Zweiten Weltkriegs viele 50er Jahre Bauten stehen, aber mit dem Dom auch die Keimzelle unserer Stadt beheimatet ist. Speziell der Kreuzgang als Oase der Stille inmitten der belebten City ist ein Highlight. Mit Blick auf unsere verschiedenen Siedlungen in Essen, sei es die erste deutsche Gartenstadt Margarethenhöhe oder die Siedlung Alfredshof in Holsterhausen, entdeckt man im ganzen Stadtgebiet immer wieder spezielle Straßenzüge und Bereiche, die sehr einheitlich gestaltet sind und auch ein historisches Abbild von Essen zeichnen. Dafür gilt es aber mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. Prägend sind außerdem auch die Naherholungsgebiete im Essener Süden, in Kettwig und in Werden. Dort haben wir mit dem Baldeneysee und entlang der Ruhr wertvolle  Naherholungsgebiete, die einer Metropole wie Essen auch gut zu Gesicht stehen. Gleichzeitig begeistern sich Menschen im Norden der Stadt dafür, über dem Rhein-Herne-Kanal die Sonne untergehen zu sehen. Das Urbane in Kombination mit Grün und einer heterogenen Bevölkerung macht die Vielfalt unserer Stadt aus. Insofern glaube ich, dass Essen sehr viel zu bieten hat und keineswegs gesichtslos ist.

Wie in vielen anderen Metropolen auch, wird in Essen der Wohnraum knapp. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Projekte in Essen, um dahingehend für die Zukunft gut aufgestellt zu sein?

Grundsätzlich ist es so, dass es uns schwer fällt, neue Flächen zu identifizieren, auf denen noch Wohnungsbau realisiert werden kann. Die Stadt Essen hat sich schon lange das Ziel gesetzt, die Innen- der Außenentwicklung vorzuziehen, was auch konsequent umgesetzt wird. Darum fokussieren wir uns insbesondere auf die Brachflächen in der Stadt. Als wichtiges Projekt ist da natürlich ESSEN 51. zu nennen, womit nördlich der Innenstadt auf 50 ha ein neues Stadtquartier entsteht. Des Weiteren sind ein paar größere bauliche Projekte rund um den Stadtteil Rüttenscheid im Süden der Stadt geplant. Dort verlaufen aktuell einige Realisierungen parallel, da es in der Vergangenheit aufgrund von Entwässerungsproblemen einen Realisierungsstau gab. Neben den großen Projekten konzentrieren wir uns aber auch auf viele kleinere Maßnahmen und sind tatsächlich händeringend auf der Suche nach geeigneten Flächen. Wichtig dabei ist aber stets auch immer eine gewisse Akzeptanz seitens der Bevölkerung gegenüber neuen Bau- oder Sanierungsmaßnahmen.

Not in my backyard! Wie lässt sich hier denn Ihrer Meinung nach entsprechende Überzeugungsarbeit leisten, um Stadt gemeinsam mit den Bürger:innen zukunftsweisend weiter zu gestalten?

Unsere Aufgabe wird es auch zukünftig sein, noch mehr Aufklärungsarbeit zu leisten und den Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern zu suchen. Einwände gegenüber neuen Bauvorhaben sind ja nicht per se falsch, sondern oftmals auch berechtigt. Oftmals ist den Bürgerinnen und Bürgern aber auch nicht bewusst, dass Flächen, die für eine Bebauung vorgesehen oder geprüft werden, in der Regel bereits bebaut waren und nicht selten zu 100% durch niedergegangene Fabriken versiegelt sind. Als entsprechendes Beispiel lässt sich an dieser Stelle die Entwicklung am Berliner Platz aufführen. Die neue Mitte, die dort auf Brachflächen der Firma Krupp entstanden ist, verfügt heute über 40% mehr Freiflächen als vor der Entwicklung. Sprich: Dort, wo wir eine neue Bebauung realisieren, können wir gleichzeitig auch neue Freiflächen produzieren. Diese Tatsache müssen wir der Bürgerschaft noch besser vermitteln.

Zusätzlicher Wohnraum soll idealerweise schnell und preiswert geschaffen werden. Wie gelingt es vor diesem Hintergrund noch Aspekte des Klimaschutzes zu berücksichtigen sowie eine gute Bauqualität sicherzustellen?

Die Bezahlbarkeit von Wohnraum ist natürlich immer ein Thema und fordert den Blick auf das Mietniveau in einer Stadt. Dieses ist anders als in München oder Stuttgart vergleichsweise niedrig. Das hat jedoch zur Folge, dass der Rahmen für Investor:innen, die auch eine Rendite erwirtschaften möchten, relativ klein ist. Wenn der Quadratmeter in einem Essener Neubau für „nur“ 10,50 Euro vermietet werden kann – in anderen Regionen aber für 18,00 Euro den Quadratmeter, dann wird der Investor in Essen auch entsprechend weniger Geld in die Realisierung eines entsprechenden Objektes investieren können. Nichtsdestotrotz versuchen wir als Stadt ein Vorbild zu sein und probieren über Wettbewerbe und Mehrfachbeauftragungen qualitativ hochwertige Lösungen zu entwickeln und diese letztendlich auch umzu- setzen. Und auch durch Maßnahmen wie beispielsweise das serielle Bauen lassen sich zusätzlich Kosten einsparen.

© AS+P Albert Speer + Partner GmbH, Visualisierungen: REDVERTEX, Sofia

Es besteht nach wie vor die Vision, die A40 zu überbauen. Eine Idee, an der auch der Oberbürgermeister festhält. Sollte dieses Projekt jemals umgesetzt werden: Inwieweit würde dadurch auch der Charakter der Stadt Essen verändert? Bisher ist die A40 ja vor allem ein trennendes Element.

Die Idee einer Überdeckelung der A40 in Essen ist nicht neu. Neu ist der Gedanke, die Überdeckelung auch für Hochbauten nutzbar zu machen. In Verbindung mit den Überlegungen zu einer Bewerbung für die Olympischen Spiele 2032 haben Herr Oberbürgermeister Kufen und ich die Gelegenheit genutzt, hierfür eine konkrete Vision für die Essener Stadtplanung zu entwickeln. An der Umsetzung dieser Vision arbeiten wir nun auch ohne Olympia 2032. Durch die Überdeckelung der A40 könnten tatsächlich auch die Stadtteile Frohnhausen und Holsterhausen miteinander verbunden und aktuell getrennte Bereiche unserer Stadt endlich wieder vereint werden. Erste Ideen, die wir dahingehend entwickeln konnten, haben die ursprünglichen Verbindungen und auch den Grünzug, der sich einst dort erstreckte, wieder aufgegriffen. Die Überdeckelung der A40 würde außerdem auch positive Auswirkung in Sachen Luftverschmutzung und Lärmemissionen mit sich bringen. Das wäre eine Verbesserung für alle Menschen in Essen und natürlich würde sich auch der von Ihnen angesprochene trennende Charakter der A40 auflösen. Weiterhin könnten wir auf einen Schlag rund 200.000 m2 zusätzliches Bauland generieren und das auf einer Länge von zwei Kilometern – mit vier bereits bestehenden U-Bahn-Haltepunkten. Perfekter geht es eigentlich nicht.

Dann bleibt das Thema ja spannend. Inwieweit ist es denn wichtig, dass auch im nördlichen Teil der Innenstadt, unabhängig von der Vision einer überbauten A40, aufwertende Maßnahmen hinsicht- lich des sozioökonomischen Gefälles stattfinden?

Im nördlich der Innenstadt gelegenen Eltingviertel passiert dahingehend aktuell sehr viel. Dort wird ganz im Sinne der Leipzig-Charta ein urbanes Quartier entwickelt und auch RWE hat dort bereits einen hochwertigen Campus errichtet, der sich sinnvoll in die gegebene Wohnbebauung einfügt. Historisch bedingt weist der Norden der Stadt eine andere städtebauliche Struktur auf als der Süden. Hier ist es unsere Aufgabe, das Nebeneinander von sensiblen und störenden Nutzungen zu optimieren. Als größeres Projekt ist hier der ehemalige Milchhof in Altenessen zu nennen, wo eine hochwertige Wohnbebauung entstehen wird. Des Weiteren ergeben sich durch die Schließung des Krankenhauses in Stoppenberg zukünftig weitere neue Raumpotenziale im Norden. Aber auch hier gilt wieder: Investor:innen können im Norden allerdings nicht annähernd die gleichen Mietpreise aufrufen wie beispielsweise im südlich gelegenen Rüttenscheid. Entsprechend schwieriger gestaltet sich die Umsetzung hoher Qualitätsansprüche. Das ist ein Problem, das sich nur sukzessive auflösen lässt.

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Sie waren im Verlauf Ihrer Karriere auch in anderen Ruhrgebietsstädten tätig. Was fasziniert Sie gerade an Essen besonders und auf welche Meilensteine freuen Sie sich in der Zukunft?

Ich glaube, dass die Stadt Essen das Potenzial hat, im Grunde das Herz dieser Metropolregion zu sein. Daran zu arbeiten, bereitet mir einen riesigen Spaß. Die besondere Qualität dieser Stadt lässt sich auch an der Vielzahl von hochwertigen Investorenanfragen ablesen, die uns erreichen, sobald Grundstücke in der Stadt für Entwicklungen freigegeben werden. Die große Nachfrage hilft uns sicherzustellen, dass die Projekte in der Umsetzung und insbesondere auch architektonisch unseren Qualitätsansprüchen entsprechen. Weiterhin sind wir ein attraktiver Standort für die regionale, nationale und internationale Wirtschaft. Viele Unternehmen von Weltrang haben sich in Essen angesiedelt und bleiben auch hier. Zudem kommen immer wieder neue Unternehmen dazu. In so einem Umfeld wirke ich sehr gerne und möchte auch weiter daran mitarbeiten, die Stadtentwicklung in Essen voranzutreiben. Die Stadt verfügt noch über viele Potenziale, die entwickelt werden wollen. Ich erinnere an dieser Stelle an Projekte wie Freiheit Emscher oder die Überdeckelung der A40, über die wir bereits sprachen. Auch wenn Letzteres ein Dekadenprojekt ist, macht es mir große Freude, schon heute daran zu arbeiten und die entsprechenden Grundsteine für die Zukunft zu legen.

Dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.


Martin Harter

studierte Stadt- und Raumplanung an der TU Dortmund. Mit Abschluss des städtebaulichen Referendariats hat Herr Harter im Amt für Stadtpla- nung und Bauordnung der Stadt Essen für zwei Jahre zur Schaffung neuer Wohnbauflächen beigetragen. 2003 wechselte er zur Stadt Krefeld und koordinierte das Team der Bauleitplanung im Fachbereich Stadtplanung und Bauaufsicht. Nachdem er in Krefeld für ein Jahr die Funktion des Abteilungsleiters Regional- und Bauleitplanung im Fachbereich Stadtplanung innehatte, wurde ihm die Leitung des Stadtplanungsamtes in Mülheim an der Ruhr übertragen. Im April 2013 wurde Herr Harter zum Stadtbaurat der Stadt Gladbeck ernannt. Ende 2014 wechselte er zu der Stadt Gelsenkirchen und wurde dort als Stadtbaurat Vorstand für die Bereiche Planen, Bauen, Umwelt und Liegenschaften. Seit dem 01.01.2020 ist Herr Harter Geschäftsbereichsvorstand für Stadtplanung und Bauen bei der Stadt Essen.

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